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Die Bevölkerung Südkoreas beginnt zu verschwinden: das Abzählen hat schon begonnen

In den kommenden Jahrzehnten werden 80% der G20-Länder einer beispiellosen Abnahme ihrer Bevölkerungszahl gegenüberstehen, die die Weltwirtschaft zutiefst verändern wird.

In den sogenannten hochentwickelten Ländern sollten die Wirtschaftswissenschaftler und Finanzexperten ihr Bewusstsein von der kommenden demographischen Katastrophe schärfen. Die erfolgreichen Wirtschaften sind nämlich buchstäblich am Sterben, unterdessen wächst die Bevölkerung der fruchtlosen Wirtschaften wie Unkraut. Die demographischen Prognosen der UNO sind allzu optimistisch und entfremdet. Die extrem niedrigen Fertilitätsraten in den Industrieländern widersprechen den optimistischen Prognosen der UNO. Laut Prognosen der südkoreanischen Regierung wird die Bevölkerung des Landes innerhalb 7 Jahren zu schrumpfen beginnen, und wenn der Trend anhält, wird das Volk in der fernen Zukunft verschwinden. Der demographische Kollaps betrifft nicht nur Südkorea, sondern auch China; Japan schrumpft in einem unglaublichen Tempo. Arbeitskräfte und Verbrauchspotential der zweiten, dritten und elften Wirtschaft der Erde werden immer kleiner, die anerkannten Analytiker sehen doch da kein Problem. Die erwerbsfähige Altersgruppe, die auch die größte Verbrauchergruppe ausmacht, begann schon vor zehn Jahren zu schrumpfen.

Die einheitlichste Nation der Welt und die viertgrößte Wirtschaft Asiens wird bald zu schrumpfen beginnen. Südkorea ist ein Land mit der niedrigsten Fertilitätsrate (in den letzten 16 Jahren), was mit einer alternden Gesellschaft resultiert. 2016 wurde da die niedrigste Geburtsrate in der Geschichte und die niedrigste Fertilitätsrate (1,17) in den letzten 7 Jahren verzeichnet.
Die Bevölkerungszahl stieg rasch seit der Gründung der Republik 1948, doch seit 1966 begann sie wegen der Einführung des Programms zur Kontrolle des Bevölkerungswachstums zu sinken.1)Family planning programs and birth control in the third world, US National Library of Medicine, National Institutes of Health 2017-12-15.Auf die Größe der Bevölkerung wirkte sich auch Verstädterung, Zugang zur Bildung und höhere Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt aus. So wie in anderen Kulturen waren auch in Südkorea für das Fortbestehen der Familie die männlichen Nachkommen sehr wichtig, da man eben von ihnen finanzielle Unterstützung und Pflege für Eltern im Alter erwartete, die Menschen bemühten sich also um einen Sohn. Wenn das erstgeborene Kind nicht ein Junge war, entschieden sich die Paare für nächste Kinder, bis ein Junge kam. 1973 wurde ein Abtreibungsgesetz verabschiedet, das zwar nur selektiv in Einzelfällen angewendet werden sollte, aber in der Tat als selektive Abtreibung missbraucht wurde: meistens wurden weibliche Nachkommen abgetrieben.2)Gender Discrimination in Sex Selective Abortions and its Transition in South Korea, Womens Studies International Forum 2009.(1988 wurde dagegen ein Gesetz verabschiedet, das das Geschlecht des Fötus bekanntzugeben verbat)Im Allgemeinen wuchs die Bevölkerungszahl in den meisten Provinzen des Landes (ausgenommen Großstädte wie Seoul, Daejeon, Kwangju). Die Regierung begann darauf Paare zu entmutigen, mehr Kinder zu besitzen. Es galt die Parole: „Hab ein Kind und erziehe es gut”.3)Demographics of South Korea, New World Encyclopedia 2017-12-13.2016 betrug die Einwohnerzahl Südkoreas über 51 Mio., darunter 1 Mio. Ausländer. Laut demographischen Prognosen wird die Zahl abrupt schrumpfen. 2050 wird es wahrscheinlich 40-48 Mio. Koreaner geben, 2100 nur 20 Mio.
Diese alle sozialen Erscheinungen und Regierungsmaßnahmen trugen zur Senkung der Geburtsrate und zur Alterung der Gesellschaft bei. Die Bevölkerung Koreas wird vermutlich noch ein paar Jahre steigen, dann wird sie aber im steilen Niedergang begriffen sein, und bis 2750 werden die Bewohner Südkoreas aussterben. Schon 2045 kann Korea zum Land mit den ältesten Menschen werden, mit einem Durchschnittsalter von 50. Die Bevölkerungspyramide begann schon sich nach oben zu verbreiten, das heißt, die Zahl der älteren Personen nimmt zu, und die Zahl der Kinder und Jugendlichen nimmt ab. In den Jahren 2016-2017 sank zum ersten Mal die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (zwischen 15-64), also die Verbraucherbasis. Schon jetzt sind die Personen über 65 14,12% der Bevölkerung, die Personen zwischen 0 und 14 Jahren – 13,21%. In weniger als 50 Jahren werden Senioren 40% der Gesellschaft ausmachen.
Manche Ursachen der niedrigen Geburtenrate erinnern an die in Japan am Anfang der 90-er. Partner wollen keine Großfamilien wegen der wachsenden Lebensunterhaltungskosten (darunter Mieten und Bildung) haben. Die Bewohner Südkoreas arbeiten am längsten in der Welt, haben also keine Zeit für Familie und Privatleben. Frauen bevorzugen Kariere, die Geburt der Kinder ist für sie nur ein Hindernis dabei umso mehr, dass der Mutterschaftsurlaub nur schwer zu erhalten ist und dass die Männer sich kaum an der Erziehung und Hausarbeiten beteiligen.4)South Korea birth rate plunges to record low, BBC News 2017-12-13.Im Durchschnitt bekommen Frauen ihr erstes Kind mit 31. Viele Koreaner glauben, dass die Heirat nur eine von vielen Lebensmodalitäten ist. Die Hälfte der Alleinstehenden ist unter 40 und will keine Familie gründen. Diese Erscheinung ist auf die Zahl der Atheisten und Gläubiger unregistrierter Glaubensgemeinschaften zurückzuführen.
Die niedrige Geburtenrate ist kein einziges Problem Südkoreas: das andere ist die Sterblichkeit. Es ist ein Land mit der höchsten Selbstmordrate in der Welt. Jeden Tag begehen 40 Koreaner Selbstmord, was auch aus der sinkenden Zahl der Gläubigen resultiert. Das Problem betrifft des Öfteren ältere Menschen. Die Hälfte der Personen über 65 lebt in Armut und ein Viertel von ihnen lebt allein, ohne Ersparnisse und Arbeit, wobei die Vereinsamung und Niedergeschlagenheit in der alternden Gesellschaft zunimmt. Unter den jungen Personen ist der Stress in der Arbeit und Schule die meiste Ursache für den Selbstmord. 40% der Selbstmörder sind unter Alkoholeinfluss, und Südkoreaner sind Platz eins in der Welt, wenn es um den Spirituosenkonsum geht. Im Durchschnitt trinken sie 700 Gramm pro Woche (zum Vergleich US-Amerikaner 150). Koreaner schämen sich wegen psychischer Probleme und lassen sich selten behandeln. Der Alkoholmissbrauch wird lieber als ein Besuch beim Psychiater akzeptiert. Das trägt sicherlich zur hohen Selbstmordrate bei.5)The “Scourge of South Korea”: Stress and Suicide in Korean Society, Berkeley Political Reviev 2017-12-14.

Die demographische Lage wird das Wirtschaftswachstum Südkoreas negativ beeinflussen. Die Änderungen werden am meisten Seoul betreffen, wo 20% der Bevölkerung des Landes lebt: Erwerbspersonenpotenzial wird sinken. Es wird erwartet, dass bis 2040 die Zahl der Bewohner Seouls mindestens um 1 Mio. sinken wird. Schon jetzt steigen die Ausgaben für Gesundheitsversorgung (von 3,8% auf 7,2% BIPs).

Laut Business Insider, der New Yorker Finanzwebsite, behaupten die Wirtschaftswissenschaftler, dass es die beste Lösung für Japan und Korea sei, die mit dem Geschlecht zusammenhängenden Rollen aufzugeben und den Anteil der Frauen am Arbeitsmarkt zu erhöhen.6)Korea is 20 years away from a ‘demographic time bomb’, Business Insider 2017-12-14.Die Finanzexperten von der Wall Street wissen, dass solcher Politik die niedrigeren Geburtsraten in Europa folgen, trotzdem suchen sie nach den Lösungen zur Erhöhung der Zahl der Erwerbsbevölkerung in den produktivsten Ländern der Welt.

Der Präsident Südkoreas Moon Jae-In legt großen Wert auf Senioren, die einen großen Teil der Gesellschaft ausmachen und versucht ihnen angemessene Lebensbedingungen zu gewährleisten. Da die durchschnittliche Lebenslänge stieg, lohnt es sich Arbeitsplätze für die Altersgruppe zu schaffen, insbesondere, wenn es an Arbeitskräften mangelt. Der Plan des Präsidenten sieht Rentenerhöhung, Verdopplung der Arbeitsplätze für ältere Eingestellte und gleichzeitige Erhöhung ihrer Gehälter, kostenlose Behandlung von Alzheimer und Demenz, sowie eine bessere Zugänglichkeit der Sozialwohnungen vor.7)South Korea’s inequality paradox: long life, good health and poverty, The Guardian 2017-12-18.

Die Regierung Südkoreas will auch, dass in Haushalten mehr Roboter genutzt werden.8)South Korea’s demographic dilemma, East Asia Forum 2017-12-15.Eine gute Lösung der demographischen Krise Südkoreas wäre eine Vereinigung mit Nordkorea, wo die demographische Lage stabiler scheint. Die Einheitlichkeit der Rasse würde dann erhalten, und wenn das auch heutzutage unrealistisch zu sein scheint, wäre das die beste Lösung der Krise zwischen Nord und Süd.

Die Lage in Südkorea, der elftgrößten Wirtschaft und dem fünftgrößten Exporteur der Welt, wird viele Länder hart treffen. Das Land ist einer der weltgrößten Hersteller von Smartphones, integrierten Schaltungen, Autos, Autoteilen, Schiffen, Bildschirmen und Erdölfertigprodukten. Es ist in Technik und Design spezialisiert. Im Zusammenhang mit dem Handel werden die Veränderungen in Südkorea den größten Einfluss auf China, USA, Japan, Deutschland, Australien und Saudi Arabien haben.9)The Observatory of Economics Complexity, atlas.media.mit.eu 2017-12-15.Die demographische Krise wird auch die Sicherheit in dem Land beeinflussen und das geopolitische Gleichgewicht verändern, weil sowohl Japan, als auch Südkorea ein verlängerter Arm der US-Militärmacht in Ostasien sind.

Die Zukunft Südkoreas ist sehr unsicher. Es ist noch ein bisschen Zeit übrig geblieben, um das Schlimmste zu verhindern. Trotzdem behaupten manche, dass die negative Tendenz schon unausweichlich sei.

References   [ + ]

1. Family planning programs and birth control in the third world, US National Library of Medicine, National Institutes of Health 2017-12-15.
2. Gender Discrimination in Sex Selective Abortions and its Transition in South Korea, Womens Studies International Forum 2009.
3. Demographics of South Korea, New World Encyclopedia 2017-12-13.
4. South Korea birth rate plunges to record low, BBC News 2017-12-13.
5. The “Scourge of South Korea”: Stress and Suicide in Korean Society, Berkeley Political Reviev 2017-12-14.
6. Korea is 20 years away from a ‘demographic time bomb’, Business Insider 2017-12-14.
7. South Korea’s inequality paradox: long life, good health and poverty, The Guardian 2017-12-18.
8. South Korea’s demographic dilemma, East Asia Forum 2017-12-15.
9. The Observatory of Economics Complexity, atlas.media.mit.eu 2017-12-15.

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