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Demographie Russlands

Russische Föderation als das größte Land der Welt und der bedeutende Produzent des Erdgases, -öls und vieler Lebensmittel hat einen großen Einfluss auf den Rest der Welt. Wenn Russland scheitert, werden sich einige Länder Hände reiben, da einer ihrer größten Konkurrenten schwächer wird, und andere werden in Schwierigkeiten geraten, da sie ihren Hauptlieferanten und -kunden verlieren werden.

Moskau ist mit den demographischen Entwicklungen in Russland beunruhigt, die das geopolitische, wirtschaftliche und militärische Potential des Landes beeinträchtigt. Medien beschreiben des Öfteren die demographische Lage in Russland als schwierig oder sogar kritisch, obwohl in der nächsten Zukunft die Bevölkerung Russlands mit Aussterben nicht bedroht ist. Die erwerbsfähige Bevölkerung sinkt jährlich um etwa 800 000. Einwanderung könnte eine Lösung sein, wenn unter den Ausländern die Zahl der Menschen ohne Bildung nicht so unproportional hoch wäre. Ein anderes Problem ist Fachkräfteabwanderung.1)25 лет спустя: демография после развала СССР, Настоящее Время 2016.Senioren stellen eine immer größere Gruppe dar, so dass die Ausgaben für die Rentner erhöht werden müssen. So können in der Zukunft Einkommenssteuer und Renteeintrittsalter erhöht werden. Zurzeit bemühen sich die Regierenden, die Russen zum Kinderkriegen zu animieren.

Seit 2007 bekommen die Mutter, die mehr als ein Kind gebären ein einmaliges Mutterschaftsgeld, das ausschließlich für bestimmte Dienstleistungen und Waren ausgegeben werden darf. Seine Höhe wird jedes Jahr unter der Berücksichtigung der Inflation aktualisiert.2)The benefits of being a Russian mother, Russia beyond 2015-08-24.Im selben Jahr setzte die Regierung den 12. September als den Nationalen Tag der Empfängnis fest, an dem Ehepaare frei haben. Erwartet wurde, dass 9 Monate später, also am 12. Juni dem Tag Russlands, dem Nationalfeiertag eine Schwemme von Neugeborenen kommt. Und tatsächlich einige Jahre lang funktionierte es. Frauen, die an diesem Tag ein Kind bekamen, konnten einen Kühlschrank, Geld, oder einen Wagen gewinnen. Eltern mit mindestens sieben Kindern werden nach Kreml eingeladen, wo der Präsident ihnen persönlich Medaillen verleiht.3)Why Putin is paying women to have more children… Inside Russia’s super families, The Telegraph 2017-03-10.Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen war erst 2013 zu bemerken.4)6 creative ways countries have tried to up their birth rates, Mental Floss 2016-05-11.)Der russischen Führung ist es bewusst, dass im Moment die Stärkung der Institution der Familie am wichtigsten ist.5)Демографическое будущее России: депопуляция навсегда?, Библиотека учебной научной литературы.

Russlands demographische Lage ist nicht am schlimmsten. Der Unterschied liegt darin, dass Russland der größte Teil der Sowjetunion darstellte, die 1991 zusammenbrach.Die Bevölkerungszahl in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik stieg von 87 Mio. im Jahr 1922 auf 148 Mio. im Jahr 1991 und blieb auf dem Niveau bis 1996. Dann begann sie zu schrumpfen. Anscheinend verbesserte sich die Lage seit 2009 bis zum letzten Jahr ein bisschen. Manche Wirtschaftswissenschaftler sahen das vorher, da um 2010 die Frauen zwischen 25-30, also im Alter mit der höchsten Fruchtbarkeitsrate, die größte demographische Gruppe darstellten.6)The Russian economy in 2050: Heading for labour based stagnation, BROOKINGS 2015-04-02.Höchstwahrscheinlich wird die Bevölkerung Russlands innerhalb 30 Jahren um 10 Millionen schrumpfen, und bis 2100 um das Zweifache. Bis 2050 wird Russland der Staat mit der fünfzehntgrößten Bevölkerung in der Welt sein, hinter Philippinen und Tansania.7)Western Sanctions Are Shrinking Russia’s Population, Foreign Policy 2017-10-19.Schon seit etwa 1983, also einige Jahre vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sanken die Zahl der Geburten und Fruchtbarkeitsrate, was eins von den frühesten Anzeichen für die kommende Krise war. Nach 1991 übertraf die Zahl der Sterbefälle die Zahl der Geburten: 12,2 bis 10,7 pro 1000 Personen.

2000 starb eine Million Menschen mehr als Kinder geboren wurde. Bis 2012 war die Zahl der Sterbefälle höher als die der Geburten. Dann begann die Geburtenrate minimal größer als die Sterberate zu sein, aber nur bis 2016. Im letzten Jahr gab es jeden Monat um 10-15% Geburten weniger als 2016. Die Daten von Januar bis August 2017 zeigen den Verlust von 100 000 Menschen. Zurzeit wird jede 18 Sekunden ein Kind geboren, ein Menschen stirbt jede 16 Sekunden, es gibt also einen Geburtenrückgang. Die Fruchtbarkeitsrate beträgt etwa 1,7. Es ist kein schlechtes Ergebnis im Vergleich zu vielen anderen Ländern, doch immer noch unter der Ersetzungsrate.Gleich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wanderte nach Russland viele Menschen, vor allem Russen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken (aus Kasachstan, Ukraine und Tadschikistan) ein.8)Что стало с русскими в союзных республиках после развала СССР, Рамблер 2017-06-11.Die Migration ersetzte teilweise die Abnahme der Bevölkerung. Laut dem Russischen Föderativen Statistikamt hielten sich 2008 9,2 Mio. Ausländer auf, darunter 80% aus den Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, und etwa 60% davon arbeiteten schwarz.In den 60-er des zwanzigsten Jahrhunderts stellten Menschen über 65 6% der Gesellschaft dar, 1991 – 10%, und heutzutage fast 14%. In der selben Zeit sank die Zahl der Kinder (zwischen 0-14 Jahren) um 13%, was deutlich beweist, dass die Gesellschaft altert. Die erwerbsfähige Bevölkerung, im Alter zwischen 15 und 64, sank bis 1991, dann wuchs bis 2015. Die durchschnittliche Lebensdauer ist in der Russischen Föderation relativ niedrig: 70,91 Jahre. Zum Vergleich: in den USA beträgt sie 78,84.Solche demographische Lage in Russland hat viele Ursachen. Dazu gehören sicherlich die Reformen von Boris Jelzin und von Jegor Gaidar und Anatolij Chubais (der eine war der Erste Vizeministerpräsident, der andere Vizeministerpräsident der Russischen Föderation), die für sozialen und wirtschaftlichen Wandlungen im Lande verantwortlich waren. Wegen der hohen Arbeitslosigkeit, Inflation und leeren Läden fühlten sich Menschen verunsichert und wollten keine Familien gründen. Zurzeit will jeder fünfte Russe keine Kinder haben. Die Psychologen, die das Thema untersuchen, sind der Meinung, dass Menschen heutzutage unfähig und unwillig sind das Leben mit jemandem zu teilen und ihre Gewohnheiten aufzugeben.9)Почему так много людей не хотят вступать в брак, заводить детей? Ответы психолога, Первый канал 2010-02-25.Junge Frauen fürchten sich davor, verlassen und eine alleinerziehende Mutter zu werden, und der Grund für ihre Befürchtungen sehen sie in den Statistiken, laut denen 80 von 100 Ehen mit einer Scheidung enden. Manche Frauen, besonders von der Mittelschicht fürchten sich, dass sie nach der Geburt nicht mehr attraktiv sein und ihre persönliche Freiheit und Unabhängigkeit verlieren werden. Innerhalb letzter 10 Jahren lässt sich bemerken, dass ausgebildete und wohlhabende Frauen immer häufiger kinderlos sind, und diejenigen, die weniger ausgebildet sind, mehr Kinder bekommen.10)Чайлдфри: почему женщины не хотят рожать, Mиp24 2016-04-12.Es ist schwierig, die Karriere mit dem Familienleben zu vereinbaren. Verbreitet ist die Meinung, dass man eine Wahl treffen muss, ob man Kinder bekommt, sich nicht mehr persönlich weiterentwickelt und arm wird, oder ob man keine Kinder bekommt, unabhängig und im Wohlstand lebt. Laut dem Russischen Zentrum für Meinungsforschung haben 10% Russen nicht genug Geld, um Lebensmittel zu kaufen, und die Zahl der Armen stieg von 15,5 Mio. 2013 auf fast 20 Mio. im Jahr 2016. Solche Personen können sich es nicht leisten, Kinder zu haben, und die Kinderbetreungseinrichtungen gibt es kaum und sie sind überfüllt.

In Russland ist die hohe Sterberate ein größeres Problem als die niedrige Geburtenrate. Sie beträgt 13 pro 1000 Personen, während der Durchschnitt in der ganzen Welt und in den USA 8, und in Großbritannien über 9 beträgt. Die Sterberate stieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor allem wegen des übermäßigen Alkoholkonsums und einer hohen Zahl der Selbstmorde. Damals mussten die Menschen gegen die Wirtschaftskrise ringen. Die Fabriken wurden über die Nacht geschlossen, es fehlte an finanziellen Mitteln für wirtschaftliche Tätigkeit, und an Kunden, die Produkte der bestehenden Unternehmen kaufen konnten. Die Epoche Jelzins war wie ein Krieg im Zeitlupentempo – er zerstörte das Land nach dem Diktat der Ratschläge vom Westen.

Die wirtschaftliche Krise traf auch das russische Gesundheitssystem. Es tauchten solche Krankheiten wie Diphtherie, Typhus, Cholera, Tuberkulose, die es sogar in den Ländern der Dritten Welt nicht mehr gibt. Das größte Problem wurde die Tuberkulose. Die Sterbefälle wegen dieser Krankheit nehmen ab, aber immer noch werden täglich 320 neue Erkrankungen und 64 Sterbefälle verzeichnet. Erkranken vor allem Männer im Alter 25-34. Hauptursachen sind schlechte Lebensbedingungen, mangelhafte Vorsorge, zu späte Diagnose, zu wenige medizinische Labors und unwirksame Untersuchungen. Die Tuberkulose betrifft vor allem Obdachlose, Arbeitslose, Migranten und Alkoholiker.11)Tuberculosis country profiles, WHO 2017-12-01.

Über 30% aller Sterbefälle 2012 in Russland hingen mit Alkohol zusammen: Ethanolvergiftungen, Leberzirrhose und Unfälle. 2010 betrug Konsum vom 100 prozentigen Alkohol für Männer 32 Liter, für Frauen 26 Liter (durchschnittlich 22,3 Liter) pro Jahr. Zum Vergleich in demselben Jahr in den USA waren es 18,1 und 7,8 Liter (13,3 Liter).12)Russia is quite literally drinking itself to death, QUARTZ 2015-05-13.Solcher Konsum führt zur Zunahme der Sterberate unter den Männern bis 50 und jüngeren. Russen sind nicht nur alkohol-, sondern auch drogen-, vor allem heroinsüchtig. In den Zeiten der Sowjetunion war das Land ein bedeutender Verbraucher von Drogen, die Lage änderte sich aber mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends. In den Jahren 1996-2006 verzehnfachte sich die Zahl der Drogensüchtigen. Zurzeit sind 8,5 Mio. drogen-, darunter 90% heroinsüchtig. Eine der Folgen davon ist die sich am schnellsten in der Welt entwickelnde HIV-Epidemie, von der ein Drittel der Drogensüchtigen betroffen ist. 2015 verzeichnete man in Russland fast 100 000 neue Ansteckungen mit HIV, im nächsten Jahr schon fast eine Million. Jeden Tag werden 80 bis 100 Frauen infiziert.13)HIV and AIDS in Russia, Avert organisation 2017-06-13.

Ein weiteres Problem, gegen das Russland kämpft ist die Abtreibung. Sie ist ganz populär und oft als Ersatz der Verhütungsmittel gebraucht. Pro 1000 geborenen lebenden Kinder gibt es 480 Abtreibungen (in den USA 200, in Deutschland 135). Die Abtreibung ist bis zur 12. Schwangerschaftswoche und in besonderen Fällen auch später legal. 1920 war die Russische Sowjetrepublik das erste Land in der Welt, das Abtreibung in allen Fällen zuließ. Jetzt ist sie kostenlos im Rahmen der pflichtigen Sozialversicherung zugänglich, also jede versicherte Frau über 16 kann Schwangerschaft abbrechen.14)Putin’s next target is Russia’s abortion culture, Foreign Policy 2017-10-03.Ende der 90-er verzeichnete man jährlich offiziell 3 Millionen Abtreibungen pro 1 Million Geburten. Doch laut offiziellen Schätzungen war die Zahl sogar 5- oder 6-mal höher. Bis 2007 gab es mehr Abtreibungen als Geburten. Ein Jahr später gab es 72 Schwangerschaftsabbrüche pro 100 Geburten (in den USA 20/100). Mit den Schwangerschaftsabbrüchen geht Aussetzung von Kindern einher. 1993 r. wurden 5% der Neugeborenen ausgesetzt, 5 Jahre später – 9%. Am Ende des Jahrtausends gab es etwa eine Million obdachloser Kinder.15)Демография в России (1897-2030), Dissonnace.ru 2010-09-13.

References   [ + ]

1. 25 лет спустя: демография после развала СССР, Настоящее Время 2016.
2. The benefits of being a Russian mother, Russia beyond 2015-08-24.
3. Why Putin is paying women to have more children… Inside Russia’s super families, The Telegraph 2017-03-10.
4. 6 creative ways countries have tried to up their birth rates, Mental Floss 2016-05-11.
5. Демографическое будущее России: депопуляция навсегда?, Библиотека учебной научной литературы.
6. The Russian economy in 2050: Heading for labour based stagnation, BROOKINGS 2015-04-02.
7. Western Sanctions Are Shrinking Russia’s Population, Foreign Policy 2017-10-19.
8. Что стало с русскими в союзных республиках после развала СССР, Рамблер 2017-06-11.
9. Почему так много людей не хотят вступать в брак, заводить детей? Ответы психолога, Первый канал 2010-02-25.
10. Чайлдфри: почему женщины не хотят рожать, Mиp24 2016-04-12.
11. Tuberculosis country profiles, WHO 2017-12-01.
12. Russia is quite literally drinking itself to death, QUARTZ 2015-05-13.
13. HIV and AIDS in Russia, Avert organisation 2017-06-13.
14. Putin’s next target is Russia’s abortion culture, Foreign Policy 2017-10-03.
15. Демография в России (1897-2030), Dissonnace.ru 2010-09-13.

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