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Ukrainer zwingen sich, Ukrainisch zu sprechen (um die ganze Welt davon zu überzeugen, dass sie eine gesonderte Nation sind)

Die jüngsten Ereignisse. Das erste. Das ukrainische Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das die Verwendung der ukrainischen Sprache vorschreibt.1)Ukraine passes law against Russian language in official settings, The Telegraph 2019-04-35, Ukraine adopts language law opposed by Kremlin, The Guardian 2019-04-25.Zweitens: fast gleichzeitig hat Moskau ein Gesetz eingeführt, laut dem Einwohner der Volksrepublik Lugansk und Donezk die russische Staatsbürgerschaft beantragen können.2)Russia eases citizenship rules for residents of eastern Ukraine, The Telegraph 2019-04-24.

Das Sprachengesetz schreibt vor, dass Ukrainisch an allen öffentlichen Orten gesprochen und dass 90% der Fernsehsendungen sowie mindestens 50% der gedruckten Publikationen in dieser Sprache abgefasst werden sollten. Ein aufmerksamer Leser wird ohne weitere Nachforschungen bemerkt haben, dass derzeit nicht einmal 50% der Bücher auf Ukrainisch verfügbar sind. Damit es noch lustiger wird: die Muttersprache des frisch gewählten Präsidenten – Wolodymyr Selenskyj – ist Russisch. In der ersten Staffel der TV-Serie, in der er die Hauptrolle spielte, die Rolle, die ihn auf das Präsidentenamt katapultierte, sprach er fast ausschließlich Russisch. Die ukrainische nationale Identität muss in große Schwierigkeiten geraten sein, wenn sie durch solche Gesetze unterstützt werden muss.

Stellen Sie sich ein ähnliches Gesetz vor, das in einem der Mitgliedstaaten der Europäischen Union verabschiedet wurde, ein Gesetz, das eine Sprache aufzwingt und eine andere verdrängt. Was für ein Schrei der Empörung würde es auslösen, eine ganze Palette wilder Anschuldigungen wegen Nationalismus, Nazismus und Chauvinismus wäre damals zu hören. Im Fall der Ukraine hat jedoch niemand die Stirn gerunzelt.

Auf der anderen Seite hat Putins Entscheidung, die den Einwohnern der beiden abtrünnigen Republiken das Leben erleichtert, auf Kritik und Verurteilung gestoßen. Es ist egal, dass der wichtigste Unterstützer von Wolodymyr Selenskyj – Ihor Kolomoyskyj – die ukrainische, ungarische und israelische Staatsbürgerschaft innehat oder dass die Europäer dazu ermutigt werden, die doppelte Staatsbürgerschaft zu besitzen (um die nationalen Gefühle in ihrer Psyche zu zerstören): Einwohner der genannten Republiken sollten nur eine besitzen.

Einem weiteren Schritt des Westens, der die Kluft zwischen Kiew Russland und Moskau Russland vertieft (zu den früheren gehörte die Gründung der orthodoxen Kirche der Ukraine, die unabhängig von Moskau ist,3)Ukraine Orthodox Church granted independence from Russian Church, BBC 2019-01-05.entgegenwirkte Russland mit dem Versuch, einige von den russischsprachigen Bewohnern der Ukraine für sich zu gewinnen.
Das ist der gegenwärtige Sachstand. Er hat seine Wurzeln in der Vergangenheit.

Eins der in Europa verbreiteten Missverständnisse war es, dass die Ukraine ein eroberter und dann besetzter Teil des russischen Reiches war, später der Sowjetunion, wo die ukrainische nationale Identität unterdrückt wurde. Um ehrlich zu sein, begann die Geschichte sowohl Russlands als auch der Ukraine in Kiew, das als Wiege der russischen Staatlichkeit bekannt ist. Wie es im Mittelalter üblich war, spaltete sich das Fürstentum Kiew in viele andere Länder auf, und dann wurden sie eins nach dem anderen von Mongolen erobert, die zu dieser Zeit als Tataren bekannt waren. Die Eroberer erhoben Steuern und kontrollierten die jeweiligen Fürstentümer politisch, so dass ihnen viel Autonomie blieb. Einer von den vielen Fürsten hat sich bei den Tataren eingeschmeichelt, indem er ihnen den Tribut regelmäßig und im Übermaß bezahlte. Die Eroberer machten ihn dann zum Fürsten über andere Fürsten und vertrauten ihm die Erhebung der Steuern in anderen russischen Provinzen an. Sein Name war Ivan und er regierte über Moskau. Er nutzte seine privilegierte Stellung, um andere Fürstentümer unterzuordnen. Das tatarische Joch wurde mit der Zeit schwächer, der westliche Teil dessen, was wir heute Russland nennen – einschließlich Kiew – stand unter der Kontrolle der litauischen Herrscher, und als einer dieser Herrscher zum polnischen König gewählt wurde, wurde er Teil des polnisch-litauischen Königreichs. Der östliche Teil des heutigen Russlands wurde allmählich von den Moskauer Fürsten vereint, den Nachfolgern des erwähnten Iwan, die nach dem Fall des oströmischen Reiches in Konstantinopel sich als Kaiser (auf Russisch Zaren) zu benennen ließen,

Ein starkes polnisch-litauisches Kondominium war den Mächten des damaligen Europas (und Moskau) ein Dorn im Auge, und so konstruierten und unterstützten sie Aufstände im Kiewer Teil Russlands, der unter der polnisch-litauischen Herrschaft stand und mit der Zeit als die Ukraine benannt zu werden begann, was eigentlich Grenzland bedeutet (vergleiche sprachlich mit dem Namen Krajina in Südkroatien, einer serbisch besiedelten Region an der Grenze zu Bosnien). Einer der erwähnten Aufstände war erfolgreich, infolgedessen spaltete sich ein Großteil der von Polen beherrschten Kiewer Rus (Ukraine) ab und trat freiwillig Russland bei (1654). Bohdan Chmelnyzkyj war der Mann, der die Kiewer Rus der Moskauer Rus unterwarf, und er ist heute der größte Nationalheld der Ukraine.

Im Laufe der Zeit wurden auch andere polnische Teile der Ukraine von Moskau übernommen. Ein kleines Stück wurde vom Habsburger Reich übernommen, wo es über ein Jahrhundert blieb und in dem sich die russische Volkssprache entwickelte, die heute als Ukrainisch bekannt ist. Zu dieser Zeit waren keine nationalen Aufstände der Ukrainer gegen Russen in der russischen Ukraine zu verzeichnen. Die ukrainische nationale Identität wurde nur in jenem Teil der Kiewer Rus geboren, der unter die österreichische Herrschaft geriet. Hier konkurrierten auch orthodoxe Kiewer mit katholischen Polen, was geschickt von den deutsch-österreichischen Oberherrschern ausgenutzt wurde. Hier wurde die ukrainische Sprache, die damals übrigens nicht so genannt wurde, von den österreichischen Behörden anerkannt. Auch die polnischen Intellektuellen dieser Zeit betrachteten die Russen dieser Region als einen Zweig des polnischen Volkes und schrieben zahlreiche Gedichte, um ihre echten und imaginären Helden aus der Vergangenheit zu besingen. Interessant ist es, dass Alexander Puschkin und Juliusz Słowacki, die wohl bekanntesten Dichter Russlands und Polens der Romantik, jeweils ein langes poetisches Stück Iwan Masepa, dem Ende des 17. Jahrhunderts und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts tätigen Kosakenkriegsherrn, widmeten. (Masepa fand auch ein vergleichbares poetisches Interesse bei George Gordon Byron.)

Eine ausgewachsene ukrainische oder westrussische nationale Identität entstand oder wurde produziert ausschließlich in Zusammenhang mit der bolschewistischen Revolution und wurde vom unabhängigen polnischen Staat und den westlichen Mächten angeheizt, die nach Werkzeugen suchten, die Rote Armee abzuschrecken. Die Versuche erwiesen sich als vergeblich, weil die Sowjetregierung einen großen Teil des russischen Territoriums mit Kiew und Charkow aussonderte und daraus die sozialistische Sowjetrepublik schuf, die das ukrainische nationale Gefühl beschwichtigte. Übrigens sprach die Mehrheit der Einwohner der Republik Russisch. Zu den östlichsten Teilen der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die willkürlich von den Bolschewiki gebildet wurde, gehören das heutige Lugansk und die Volksrepublik Donezk.

Wieder war es die Ukraine, ihr kleines Stück im Westen, das vom Vorkriegspolen kontrolliert wurde (nachdem die Habsburger Monarchie sich aufgelöst hatte), wo die ukrainische nationale Identität von Russen und Deutschen benutzt wurde, um der Warschauer Regierung das Leben zu erschweren. Einer der ukrainischen politischen Aktivisten der Zwischenkriegszeit beteiligte sich an der erfolgreichen Ermordung des Innenministers in Warschau am helllichten Tag. Sein Name war Stepan Bandera. Er wurde festgenommen und zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde umgewandelt und so überlebte Bandera im polnischen Gefängnis bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, um später von seinen deutschen Drahtziehern (denselben, die seine Organisation dazu veranlasst hatten, den polnischen Minister umzubringen) genutzt zu werden und Massaker an Russen und Polen – in heutiger Mundart: ethnische Säuberungen – in der heutigen Westukraine zu organisieren. Stepan Bandera – einige Jahre nach dem Krieg von den sowjetischen Geheimdiensten in Westdeutschland hingerichtet – bleibt im kollektiven Bewusstsein der polnischen und russischen Nation ein Inbegriff für ein unbeschreibliches Übel, währenddessen er für die modernen Ukrainer, gleich hinter dem erwähnten Bohdan Chmelnyzkyj, der größte Held ist.

In der Zeit der Sowjetunion war die Ukraine genauso wichtig wie Russland selbst: Sie war die zweitgrößte Republik, eine der Schwerindustriezentren mit einem eigenen Vertreter in den Vereinten Nationen. Einige der am längsten regierenden ersten Sekretäre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion – d.h. praktisch Präsidenten der Sowjetunion – waren Ukrainer: das bekannteste Beispiel Nikita Chruschtschow (derjenige, der die Krim willkürlich von Russland abschnitt und der Ukraine schenkte); auch Leonid Breschnew sollte hier nicht vergessen werden. Dies wirft Licht auf die derzeitige so genannte Besetzung der Kiewer Rus durch die Moskauer Rus. Genauso können Katalonien, Burgund oder Bayern als von Spanien, Frankreich und Deutschland besetzte Gebiete betrachtet werden, und da könnten ähnliche “nationale” Bewegungen mit Kämpfen für ihre Unabhängigkeit beginnen, und die spanische, französische und deutsche Sprache zugunsten des Katalanischen, Burgundischen und Bayrischen zu verdrängen. In der Politik nennt man so etwas Schaffung von Nationen, Nationen in Anführungszeichen natürlich.

References   [ + ]

1. Ukraine passes law against Russian language in official settings, The Telegraph 2019-04-35, Ukraine adopts language law opposed by Kremlin, The Guardian 2019-04-25.
2. Russia eases citizenship rules for residents of eastern Ukraine, The Telegraph 2019-04-24.
3. Ukraine Orthodox Church granted independence from Russian Church, BBC 2019-01-05.

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