Der europäische Blickwinkel. Auf dem Weg in die Welt von Morgen.




Die ganze Welt ist ein Schachbrett, und alle Nationen sind bloß Figuren und Bauern

Leute wie der verstorbene Zbigniew Brzeziński, Madeleine Albright oder Henry Kissinger betrachteten die Welt als Schachbrett. Streng genommen stammt der Vergleich des Globus mit einem Schachbrett von Zbigniew Brzeziński, doch alle oben genannten Politiker haben sich in politischen Angelegenheiten ganz nach diesem Grundsatz verhalten. Sie alle – und ihre politischen Nachfolger – sehen die Nationen der Welt als Bauern (kleine Länder) oder Figuren (große Länder); sie alle genießen das diplomatische Spiel, als seien sie Schachspieler. Das Schicksal der Nationen scheint sie nicht im Geringsten zu kümmern; ebenso wenig das Schicksal einzelner Menschen. Vielmehr scheinen sie ihr Leben in vollen Zügen zu genießen: Sie besprechen politische Dinge beim Mittag- oder Abendessen, reisen in luxuriösen Flugzeugen um die Welt, schütteln Staatschefs die Hand, schließen Verträge und Abkommen, posieren für Fotos, geben Interviews für Fernsehsender und sehen ihre Bilder in Zeitungen, auf Websites und im Fernsehen. Sie haben die Zeit ihres Lebens.

Der Vergleich, den wir ziehen wollen, mag übertrieben wirken – und doch: Diplomaten ähneln politisch stark historischen Gestalten wie Friedrich II. von Preußen (der den Beinamen „der Große“ erhielt), Alexander von Makedonien, Napoleon Bonaparte oder – in der Tat – Adolf Hitler. Sie alle benahmen sich wie große Jungen, die mit Zinn- oder Plastiksoldaten spielen, mit dem Unterschied allerdings, dass sie nicht mit Zinn- oder Plastiksoldaten, sondern mit lebenden Menschen spielen wollten. Das Schicksal der Soldaten und ihrer Familien, das Schicksal der Nationen, Kunstwerke oder Bauwerke waren ihnen völlig gleichgültig. Das Wichtigste war ihre Karriere. Sie alle hätten viel dafür getan, als große Eroberer, bedeutende Führer, kluge Politiker und so weiter in die Geschichte einzugehen. Politikmachen war für sie – und ist für ihre heutigen Nachfolger – wie ein ständiger Rausch. Politikmachen ist für sie Sinn und Zweck des Lebens, das, was sie antreibt, etwas, von dem sie im wörtlichen Sinne abhängig sind.

Auf der Weltbühne gibt es verschiedene Spieler. Um ein Spiel zu haben, braucht man einen Gegner. Will man nun in den Augen der eigenen Nation und manchmal auch in den Augen der übrigen Menschheit gut dastehen, braucht man einen guten Grund, warum man im kollektiven Führer einer bestimmten Nation einen Gegner sehen will. Dieser Grund kann sein, dass der Gegner böse sei, dass er das eigene Volk unterdrücke, dass er einzelnen Menschen ihre Grundrechte raube oder dass er eine Bedrohung für das eigene Land oder für andere Länder darstelle. Mit Hilfe der Propaganda, die über moderne Kommunikationsmittel verbreitet wird, lässt sich relativ leicht eine feindselige Haltung der eigenen Nation gegenüber dem Gegner formen. Das gelingt verhältnismäßig leicht, weil die Menschen sich im Allgemeinen nicht die Mühe machen, aktuelle Weltangelegenheiten selbst zu prüfen; sie machen sich nicht die Mühe, in die Geschichte zurückzuschauen, um einen weiteren Blick und die Ursachen der Ereignisse zu erkennen; sie machen sich nicht einmal die Mühe, auf die Landkarte zu schauen und die Lage eines Landes im Verhältnis zu anderen Ländern zu sehen; und sie machen sich auch nicht die Mühe, sich mit grundlegenden Zahlen vertraut zu machen: Einwohnerzahl, Nationalitäten oder Ethnien, industrielles und technologisches Potenzial, Religion oder Religionen und so weiter. Solche Menschen – die Mehrheit in jeder Nation – lassen sich sehr leicht dazu bringen, alles Mögliche über andere Länder, über deren Führer, über jede Entwicklung zu glauben. Man kann sicher sein: Die überwältigende Mehrheit der Bürger wird nicht neugierig genug sein, andere Informationsquellen als die der Leitmedien zu suchen, Bücher oder Artikel zu lesen, die den Hergang der Ereignisse in einem anderen Licht darstellen.

Die ganz wenigen Einzelnen, die sich ein zutreffendes Bild der Welt und der sich entfaltenden Ereignisse machen wollen, die nach Büchern und Quellen suchen, die über Fakten, Zahlen und Daten nachdenken – solche Einzelnen sind zu wenige, um Einfluss auf die übrige Gesellschaft zu haben, in der sie leben. Manche Regierungen pflegten solche isolierten Individuen auszulöschen; klügere Regierungen jagen sie nicht und versuchen auch nicht, sie zu unterdrücken. Wozu die Mühe? Zum einen sind, wie gesagt, solche unabhängig denkenden Menschen zu wenige, um Wirkung zu entfalten; zum anderen ist es immer gut, eine solche ohnmächtige innere Opposition zu haben, weil sie zeigt, dass die Regierung andere politische Meinungen dulden kann, dass die Regierung human sei und so weiter.

Es ist allgemein bekannt, dass die großen politischen Akteure in der Europäischen Union und vor allem in den Vereinigten Staaten China offen zum Feind Nummer eins des Westens erklärt haben. Angesichts der Tatsache, dass China dem Namen nach noch immer ein kommunistisches Land ist, haben wir eine Wiederholung des Kalten Krieges, der zwischen dem kapitalistischen Westen und der sozialistischen Sowjetunion samt ihren sozialistischen Satellitenstaaten geführt wurde. Ja, die ironische Laune der Geschichte besteht darin, dass China seinen kommunistischen Überbau beibehält und zugleich eine kapitalistische Basis zulässt – was nicht ganz mit dem übereinstimmt, was Karl Marx über politische Systeme sagte, aber das macht nichts. Reine politische Systeme gibt es in Lehrbüchern, niemals in der Wirklichkeit. Wie dem auch sei: Obwohl China im Grunde genommen ein kapitalistisches Land ist, wird es von Washington nicht bloß als Rivale Amerikas gepriesen, sondern als Feind Amerikas, als Bedrohung, mit der zu rechnen sei, als Bedrohung, die Amerikas Aufmerksamkeit erfordere, als Bedrohung, die beseitigt werden müsse.

China anzugreifen würde vor dem Rest der Welt nicht gut aussehen. Ein Angreifer gilt stets als die böse Partei. Ein Angreifer braucht daher einen Vorwand. Ein Angreifer muss die Wirklichkeit in den Augen der Welt umkehren und sich selbst als Opfer der Aggression darstellen. Gelingt ihm das, kann er einen umfassenden Krieg gegen das Zielland beginnen – sozusagen mit dem Segen der Welt oder zumindest mit ihrem Verständnis. Als Adolf Hitler Polen angreifen wollte, ließ er von seinen Geheimdiensten eine Reihe von Grenzscharmützeln inszenieren, die alle Polen angelastet wurden. Der größte dieser Vorfälle war der inszenierte Angriff sogenannter polnischer Aufständischer auf den Rundfunksender in Gleiwitz, auf deutschem Gebiet, nur wenige Kilometer hinter der deutsch-polnischen Grenze. Die falschen Aufständischen – in Wirklichkeit deutsche Soldaten in polnischen Uniformen – sollen den Sender überfallen und die polnische Minderheit in der Umgebung von Gleiwitz aufgefordert haben, zu den Waffen zu greifen und die Deutschen zu bekämpfen und zu töten. Diese Aktion sollte als letzter Beweis dafür dienen, wie böse die polnische Nation sei, und als letzte Rechtfertigung für den Angriff auf Polen.

Die Diplomatie hat sich seither weiterentwickelt. Statt vorgetäuschter Angriffe, die angeblich vom Zielland ausgeführt werden – also von dem Land, das die Welt als Angreifer betrachten soll –, ist es viel besser, das Zielland zu Vergeltungsmaßnahmen zu manövrieren. Wie macht man das? Im Allgemeinen ist das keine schwere Aufgabe. Man denke an die Beziehungen zwischen einzelnen Menschen. Wir alle wissen, dass es sehr leicht ist, jemanden zum ersten Schlag zu provozieren, ohne die andere Person selbst auch nur zu berühren. Man muss nur ständigen Druck auf die andere Person ausüben. Der Druck kommt in Form von Verleumdung, verbalen Angriffen, Schikane, bösem Glauben, Lüge, Unaufrichtigkeit und so weiter, bis die Zielperson die Beherrschung verliert, die Stimme erhebt, Schimpfwörter gebraucht und schließlich, wenn der Druck anhält, den ersten Schlag führt. Das ist alles.

Die Beziehungen zwischen Ländern, Staaten oder Nationen sind ziemlich ähnlich. Wenn Land A Land B angreifen und sich der ganzen Welt als Opfer von Land B darstellen muss, dann muss Land A alles in seiner Macht Stehende tun, um Land B zum ersten Schlag zu provozieren. Genau das hat der Westen und besonders die Vereinigten Staaten im Umgang mit der Russischen Föderation getan. Der Westen begann, die NATO auszudehnen, und nahm nicht nur die ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion auf, sondern auch drei Sowjetrepubliken, die sich von der zerfallenden Sowjetunion unabhängig gemacht hatten. Eine Zeit lang blieb Moskau hilflos, weil Russland von einer wirtschaftlichen und sozialen Krise gepeinigt war. Als der Westen jedoch versuchte, die Ukraine und Georgien in die Nordatlantische Vertragsorganisation einzuladen, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und das inzwischen gestärkte Russland dazu provozierte, den ersten Schlag zu führen, indem es militärisch in der Ukraine eingriff. Der Plan des Westens ging auf: Die ganze Welt konnte sehen, dass der Westen friedlich sei, während Russland aggressiv erschien und die expansionistische Politik seines Vorgängers – der Sowjetunion – fortzusetzen schien.

Vor diesem Hintergrund: Was sollten die Vereinigten Staaten tun, um China zum ersten Schlag zu provozieren? Nun ja, Washington sollte eine asiatische NATO schaffen und einige oder alle Länder rings um China dazu einladen. Wann, meinen Sie, wird Peking sagen: Jetzt reicht es – und zurückschlagen? Peking mag nicht reagieren, wenn etwa Vietnam, Korea und Japan Mitglieder eines solchen Bündnisses werden; vielleicht reagiert Peking, wenn Kasachstan und die Mongolei eingeladen werden, weil das eine Einkreisung Chinas bedeuten würde. Was könnte geschehen, wenn eine solche asiatische NATO sich weiter vergrößerte, indem sie nacheinander Bhutan, Nepal, Indien, Pakistan, Afghanistan, Tadschikistan, Kirgisistan aufnähme und so den Anakonda-Griff um das Reich der Mitte zöge? Natürlich würde die Idee einer asiatischen NATO als Maßnahme zur Festigung des Friedens in Asien, zur Bekämpfung des Terrorismus und so weiter angepriesen. Peking aber würde ein solches Militärbündnis und dessen Ausdehnung als Bedrohung für die Sicherheit der Volksrepublik China betrachten.

Man denke zurück an den Fall der Russischen Föderation und der NATO-Erweiterung. Als die NATO einzelne mittel- und osteuropäische Länder aufnahm, erhoben die Russen zunächst keine starken Einwände, weil Russland eine Systemkrise durchlebte; als die Russische Föderation stärker wurde, begann Moskau entschieden zu reagieren. Peking durchlebt gegenwärtig keine mit den 1990er Jahren in Russland vergleichbare wirtschaftliche und politische Krise, was bedeutet, dass die Volksrepublik China auf die Drohung militärischer Einkreisung viel früher reagieren könnte. Und es spielt keine Rolle, ob China von Kommunisten oder Kapitalisten regiert wird, von Leuten, die diese oder jene Philosophie vertreten, von Führern, die sich zu diesem oder jenem Gott bekennen. Jeder Führer, jeder Herrscher – sei er ein chinesischer Kaiser oder Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas – würde es als seine Pflicht gegenüber der Nation, gegenüber den vorangegangenen und kommenden Generationen und gegenüber der Geschichte empfinden, Schritte gegen die Einkreisung seines Landes zu unternehmen. Eine solche Maßnahme käme zum Ausdruck  als der erste Schlag etwa gegen Vietnam oder Kirgisistan – oder gegen welches Land auch immer töricht genug wäre, sich in ein antichinesisches Militärbündnis ziehen zu lassen. Wir hätten eine Wiederholung dessen, was wir gegenwärtig im Ukraine-Krieg sehen. So wie Russland in die Kampfhandlungen in der Ukraine verwickelt ist, so könnte China in ähnliche Kampfhandlungen in Vietnam oder Kasachstan verwickelt sein – oder in …, je nachdem, welches Land bereit wäre, die Rolle einer asiatischen Ukraine zu spielen. Washington wird keine amerikanischen Jungs schicken, um die blutige Arbeit zu tun; vielmehr werden die Vereinigten Staaten Waffen pumpen und Geld in das Land leiten, das willens oder töricht genug wäre, als Stellvertretertruppe gegen China benutzt zu werden.

So wie die Ukraine sich als Stellvertreter gegen Russland benutzen ließ, so besteht kein Zweifel, dass jedes der genannten Länder rings um China sich als Stellvertreter gegen das Reich der Mitte benutzen lassen könnte. Nicht die Nationen entscheiden den Lauf der Geschichte, sondern die sehr schmalen Spitzen ihrer Eliten – und diese sind käuflich. Diese Eliten sind oft an einer westlichen Universität ausgebildet worden, sie haben sehr oft Konten bei einer westlichen Bank, sie erhalten Auszeichnungen westlicher Regierungen, und ihre Kinder studieren an einer westlichen Universität. Wichtiger noch: Im Falle eines verlorenen Krieges können diese Eliten stets damit rechnen, das Land zu verlassen und irgendwo im Westen Zuflucht zu finden. Sie können die eigene Nation opfern, weil sie sie nichts kostet.

So wie es bei der in Feindseligkeiten verstrickten Ukraine und Russland der Fall ist, so wird ein Vietnam oder ein Kasachstan, sobald eines dieser Länder sich als Stellvertreter gegen China benutzen lässt, einen solchen Krieg nicht gewinnen. Es ist auch nicht Washingtons Absicht, das Reich der Mitte mit vietnamesischen oder kasachischen Armeen zu zerschlagen. Wie im Falle der Ukraine und Russlands besteht Washingtons Ziel darin, das Reich der Mitte militärisch zu beschäftigen, China im wörtlichen Sinne ausbluten zu lassen und seine internationale Stellung zu verschlechtern. Ein Peking, das in den Konflikt mit einem Nachbarn verwickelt ist, wird geschwächt werden, so wie Russland durch den Konflikt in der Ukraine geschwächt wird. Und so wie die Ukraine keine Chance hat, einen Krieg gegen Russland zu gewinnen, hat auch keiner der Nachbarn Chinas eine solche Chance gegen China – aber die Kosten für das Reich der Mitte werden erheblich sein. Ist das nicht der Weg, den Leute wie Zbigniew Brzeziński, Madeleine Albright und Henry Kissinger so gern gehen? Was sind China oder Russland für sie? Sie sind König oder Dame auf einem Schachbrett. Was sind die Ukraine, Polen, Georgien, Vietnam oder Kasachstan für sie? Sie sind Türme, Springer und Läufer. Was sind Litauen, Lettland, die Slowakei, Tadschikistan, Kirgisistan und die Mongolei auf diesem großen Schachbrett? Sie sind bloße Bauern. Und wenn man Schach spielt, weiß man von Anfang an, dass man eine Reihe von Bauern opfern wird; man weiß von Anfang an, dass man gezwungen sein könnte, einige Figuren zu opfern. Kümmert einen das? Das Ziel ist, das Spiel zu gewinnen; das Ziel ist, Schach zu bieten – den König schachmatt zu setzen. Hat man den König schachmatt gesetzt, kann man die politische Landkarte der Region neu zeichnen und die globale Hackordnung umgestalten. Die ganze Welt ist ein Schachbrett, und alle Nationen sind bloß Figuren und Bauern – um den literarischen Riesen zu paraphrasieren [Wie es euch gefällt, II. Aufzug, 7. Szene]

Anmerkungen

[1] Zbigniew Brzeziński (Warschau 1928 – Falls Church, Virginia, 2017). Polnisch-amerikanischer Politikwissenschaftler. Nationaler Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter (1977–1981). In The Grand Chessboard (1997) beschrieb er Eurasien als das Schachbrett, auf dem die weltweite Position der USA verteidigt wird.

[2] Madeleine Albright (Prag 1937 – Washington 2022), geborene Marie Jana Korbelová. US-amerikanische Diplomatin; Außenministerin unter Bill Clinton (1997–2001), die erste Frau in diesem Amt. Befürworterin der NATO-Erweiterung und von Interventionen, unter anderem auf dem Balkan.

[3] Henry Kissinger (Fürth 1923 – Kent, Connecticut, 2023), geboren als Heinz Alfred Kissinger. Deutsch-amerikanischer Diplomat. Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister unter Nixon und Ford. Architekt der Annäherung an China, der Entspannungspolitik mit Moskau und einer Machtpolitik, in der Staaten wie Figuren auf einem Schachbrett behandelt werden. Friedensnobelpreis 1973.

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