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Das Phänomen von Javier Milei

“Es lebe die Freiheit, verdammt!”- diese Worte hat Javier Milei unmittelbar nach Bekanntgabe der Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen ausgesprochen. Er gewann mehr als 55% der Stimmen und besiegte Sergio Massé, den linken Wirtschaftsminister, der am selben Abend eine Niederlage eingestehen musste. Buenos Aires ging auf die Straße. Auf den Plätzen wurde getanzt, geschrien und gefeiert. Nicht ohne Grund. Zu diesem Zeitpunkt geriet die Inflation außer Kontrolle und lag über 200%.

Seit Jahrzehnten ist das Land in Marasmus und wiederkehrende Krisen versunken. In diesem Chaos bot Javier Milei Dinge an, die vorher niemand so laut zu sagen wagte. Das Problem sind nicht die neuen Krisen. Das Problem liegt im Staat. Milei diagnostizierte die Krankheit und suchte eine radikale Behandlung. Er winkte symbolisch mit der Kettensäge und deutete gnadenlose Schnitte an. Den Staat auf ein Minimum reduzieren. Kürzungen der Staatsausgaben. Liquidation der Zentralbank. Und den Peso durch den amerikanischen Dollar ersetzen, was wohl am kontroversesten wäre.

Javier Milei ist vielleicht ein Revolutionär, vor allem aber ein Wirtschaftswissenschaftler. Seit mehr als 15 Jahren unterrichtete er an Universitäten Mikroökonomie, Makroökonomie, Geldtheorie, Finanzen und sogar Mathematik. Er veröffentlichte mehr als 50 wissenschaftliche Artikel, schrieb mehrere Bücher und arbeitete als Ökonom bei der Londoner HSBC, einer der größten Banken der Welt. Im Laufe der Zeit wurde er von den Medien eingeladen. Zuerst als Experte. Dann als Phänomen. Im Fernsehen sprach er über die Wirtschaft ohne Gnade und ohne Umschweifen. Er erklärte, beschuldigte, hämmerte. Dafür haben ihn die Argentinier geliebt. Seine Anerkennung wuchs sehr schnell.

Für die peronistische Elite wurde er zu einer Bedrohung. Man nannte ihn “verrückt”, “Faschist” und sogar “der neue Hitler”. Als er seine Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen ankündigte, wurde ihm ein Bestechungsgeld in Höhe von 300.000 Dollar angeboten, um die Politik zu verlassen. Er lehnte es ab.

Als Javier Milei sein Amt antrat, stand das Land bereits am Rande des Zusammenbruchs. In nur einem Monat, im Dezember, erreichte die Inflation fast 30%, und jedes zweite Kind lebte in Armut. Das Ausmaß der Krise war so absurd, dass die monatliche Miete für eine Wohnung aufgrund jahrelanger staatlicher Einmischung in die Wohnungspolitik billiger war als ein Paar Schuhe. Milei wusste sehr gut, dass er keine Zeit hatte, Zeit zu verlieren. Er hat nicht die sprichwörtlichen 100 Tage gewartet. Er hat keinen Monat gewartet. Er handelte sofort, und die ersten Ergebnisse seiner Entscheidungen waren bereits nach zehn Tagen der Präsidentschaft offensichtlich. Denn damals wurde ein ” Dekret über Notwendigkeit und Dringlichkeit” verkündet, d.h. ein mächtiges Reformpaket, das ganze 366 Änderungen umfasst, die in einem Dokument eingeschlossen sind. Erinnert das nicht an Trump? 

Diese Liste umfasste Entscheidungen von großer Bedeutung: die Abwertung des Pesos um 54%, die Reduzierung der Anzahl der Ministerien von 18 auf 8 und die Entlassung von mehr als 40.000 Beschäftigten im öffentlichen Sektor. Die Regierung hat Hunderte von Infrastrukturprojekten eingefroren und Subventionen für Strom, Transport und öffentliche Dienstleistungen abgeschafft. Obwohl nicht alle Ergebnisse dieser Veränderungen noch unmittelbar zu sehen sind, sind die wichtigsten Effekte spürbar geworden. Vor allem die Tatsache, dass das Land zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt einen Haushaltsüberschuss erzielt hat und die Inflation von 211% auf 118% gesunken ist. Auch die Armutsquote ist gesunken. UNICEF berichtet, dass seit dem Amtsantritt des Präsidenten fast 2 Millionen Kinder aus der Armut herauskamen. Dies ist besonders wichtig, weil Milei trotz der Senkung der Gesundheits-, Bildungs- und Wissenschaftskosten wichtige soziale Programme beibehalten hat, obwohl sie ihre Regeln geändert hat.

Leider gibt es auch Änderungen, die beunruhigend sind und das eben wegen Trump, der sich neulich in die Zwischenwahlen in Argentinien einmischte, die über den weiteren Erfolg Mileis entscheiden konnten: Er befiehl dem Finanzminister Scott Bessent, mit dem Kauf des argentinischen Pesos zu beginnen, um seinen Wert auf den Märkten zu halten. Er schlug dann eine sogenannte Swap-Linie vor, also eine Vereinbarung, die Argentinien Währungsliquidität im Wert von rund 40 Milliarden Dollar garantiert. In der Praxis bedeutete dies, den Peso im kritischsten Moment zu stabilisieren. Interessanterweise hat diese Entscheidung sogar im Lager von Donald Trump Kritik ausgelöst. Denn aus rein wirtschaftlicher Sicht war es schwer zu rechtfertigen. Argentiniens Wirtschaft ist nicht eng mit der US-Wirtschaft verbunden. Darüber hinaus hat Javier Milei im Gegenzug die Exportzölle abgeschafft, was zu massiven Käufen argentinischer Sojabohnen durch China führte. Auf Kosten der US-Bauern, und dieser Schritt hat die Interessen der USA direkt beeinflusst.

Warum hat sich also für solchen Schritt Trump entschieden? Aus zwei Gründen. Das erste ist ein ideales Argument, das sich in den Medien sehr gut verkauft. Javier Milei erklärt sich offen für die wirtschaftliche Freiheit, die Einschränkung der Rolle des Staates und den freien Markt. All diese Werte liegen Donald Trump nahe. In Südamerika, das sich in den letzten Jahren fast vollständig nach links verlagert hat, wobei Brasilien, Chile oder Kolumbien von linken Parteien regiert werden, wird Mileis Argentinien zur politischen Ausnahme. Die letzte Bastion des rechten und freien Marktes in der Region. Aber es gibt auch einen zweiten Aspekt, viel weniger romantisch, aber viel realistischer. Mileis Unterstützung ist eine Investition in den zukünftigen Einfluss der Vereinigten Staaten in Südamerika und ermöglicht den Zugriff auf Ressourcen. Argentinien verfügt über ein riesiges Territorium, natürlichen Reichtum und Bergbaupotenzial. Es ist wie immer in der Politik Washingtons: Abhängig machen durch Schulden, die in Zukunft zurückgezahlt werden können, beispielsweise durch Erleichterungen für US-Unternehmen in Form von Bergbaukonzessionen, Forschungsgenehmigungen, Investitionen und Kapitalexpansion.

Trump drohte, dass er seine Unterstützung einstellt, wenn Milei bei der Zwischenwahl schwach ausfällt. Doch trotz radikaler Kürzungen der Staatsausgaben und Reformen, die Millionen von Argentiniern betreffen, erhielt die Partei von Milei – La Libertad Avanza – satte 41% der Stimmen. Es war nicht nur eine Zahl. Das war ein Signal: Die Gesellschaft glaubt trotz der Kosten immer noch an seine Vision. Noch vor der Abstimmung hatte Mileis Partei nur 7 Sitze im Senat. Nach der Wahl hat sich diese Zahl fast verdoppelt und ist auf 13 gestiegen. Aus legislativer Sicht bedeutete dies eines: die wirkliche Fähigkeit, Reformen fortzusetzen.

Argentinien ging neunmal pleite. Neunmal konnte der Staat seine Verbindlichkeiten nicht zurückzahlen. Jedes Mal begann die Geschichte auf die gleiche Weise. Gute Absichten, großzügige Politik, Staatsausgaben und Geld. Und es endete immer mit Inflation, Kapitalflucht und Armut. Der Sieg von Javier Milei kam nicht aus dem Nichts. Es war eine natürliche Reaktion auf den Krebs, der Argentinien seit Jahrzehnten quält. Dieser Krebs war Hyperinflation, politische Lügen, leere Geldautomaten, geschlossene Fabriken und eine Währung, die niemand wollte. Die Geschichte Argentiniens lehrt jedoch etwas sehr Wichtiges. Krisen werden nicht aus dem Nichts genommen. Sie sind das Ergebnis von Entscheidungen, die kurzfristig praktisch erscheinen, sich aber auf lange Sicht als verheerend erweisen. Die Inflation beginnt nicht mit einem Drucker in der Zentralbank. Das beginnt mit der politischen Zustimmung, über seine Verhältnisse zu leben.

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