Russische Parlamentswahlen

Die dreitägigen Wahlen in Russland haben eindeutig gezeigt, dass die Regierungspartei “Einiges Russland”, die Partei des Präsidenten, die uneingeschränkte Unterstützung der Gesellschaft genießt und die kommunistische Partei den zweiten Platz belegt. Einige wenige politische Gruppierungen haben gerade genug Stimmen erhalten, um in der Duma, dem russischen Parlament, vertreten zu sein. Die für Einiges Russland abgegebenen Stimmen werden in Parlamentssitze umgewandelt, so dass die Regierungspartei regieren kann, ohne auf die Unterstützung anderer politischer Kräfte angewiesen zu sein.

Die russische Vereinigte Demokratische Partei Jabloko (Apfel) – der Liebling des Westens – hat etwa ein – EIN – Prozent der Stimmen bekommen, so dass – vorhersehbar – ihre Aktivisten ihren westlichen Sponsoren “zahlreiche und massive Verstöße” in der Wahlkabine gemeldet haben. Haben wir das nicht vorher vermutet?

Der Fall Alexei Nawalny, der sich vor ein paar Monaten abspielte, hat sich als nutzlos erwiesen. Die Russen und die Angehörigen der vielen kleinen Nationen, die die Föderation bevölkern, erinnern sich nur allzu gut an die traurige Zeit der neunziger Jahre, als Liberale und Anhänger des freien Marktes das Paradies auf Erden versprachen und stattdessen Armut und Gesetzlosigkeit lieferten. Einige Vertreter der älteren Generation und – Überraschung! viele junge Russen haben für die Kommunisten gestimmt, trotz jahrelanger Umerziehung durch Schulen, Unterhaltung und die Massenmedien, in denen ständig versucht wurde, Sowjetrussland als das personifizierte Böse darzustellen. Die Figur des Josef Stalin, der als Tyrann auf einer Stufe mit Adolf Hitler dargestellt wird, hat ebenfalls an Popularität gewonnen.

Единая Россия – Einiges Russland; КПРФ (Коммунистическая Партия Российской Федерации) – Die Kommunistische Partei der Russischen Föderation

Wenn der kollektive Post-Westen Russland einst in etwas verwandeln wollte, das den westlichen so genannten Demokratien ähnelt, dann ist die Gelegenheit dazu, die sich im Anschluss an die Auflösung der Sowjetunion bot, unwiderruflich vertan worden. Privatisierung und Individualismus waren an der Tagesordnung, was zu einem Gesetz des Dschungels führte: Milliardäre tauchten aus dem Nichts auf, Attentate suchten die Großstädte heim, während die einfachen Bürger stundenlang Schlange standen, um Brot und andere lebensnotwendige Dinge zu bekommen, wobei einige von ihnen monatelang auf ihr Gehalt oder ihren Lohn warteten.

Seit der unglücklichen Präsidentschaft von Boris Jelzin ist viel Zeit vergangen. Die Russen könnten die neunziger Jahre vergessen haben, wenn es die Ukraine, Russlands Nachbarland, nicht gegeben hätte. Täglich können sie sehen, wie gut es den Ukrainern geht und wie sehr sie von ihrer Abhängigkeit vom Post-Westen profitiert haben. Es genügt zu sagen, dass es nicht die Russen sind, die auf der Suche nach Arbeit in die Ukraine auswandern, sondern umgekehrt.

Gefira 56: Ein weltumspannendes Phänomen

Es gibt Themen, über die wir ständig sprechen (müssen) – wie Ökologie, Green Economy, Dekarbonisierung, Klima- und soziale Gerechtigkeit oder verschiedene Ausprägungen der Menschenrechte; Themen, über die wir im Allgemeinen nicht sprechen – wie die Landung von Marsmenschen, unidentifizierte Flugobjekte oder die Existenz von Eidechsen in menschlichen Körpern – und Themen, über die wir nur – wenn wir unsere offene Meinung äußern wollen – flüstern. Nur über die blutsverwandten (aber nicht geistigen) Nachkommen Abrahams sprechen wir in gedämpften Tönen, wenn wir unsere Kritik, Zweifel oder eine ungünstige Bewertung äußern wollen. Warum eigentlich? Die 56. Ausgabe des Gefira-Bulletins hat den Stier bei den Hörnern gepackt und die ewige Frage nach Juden und Jüdischsein angesprochen, die Frage, warum die Welt in „wir“ und „sie“ geteilt ist, die Frage nach der Überschneidung von Realität und Wahrnehmbarkeit des jüdischen Phänomens, die Frage nach dem Antisemitismus und seinem untrennbaren Abglanz: dem Anti-Heidentum.

Die Machenschaften von Bankmanagern sind ebenfalls ein Thema, über das wir im Allgemeinen im Unklaren sind. Durch die Herstellung von Dingen und die Erbringung von Dienstleistungen ermöglichen die Menschen einen wachsenden und erschwinglicheren Konsum, der sich in allgemeinem Wohlstand niederschlägt; die wenigen Auserwählten, die Geld und Kredite schaffen, wirken Wunder oder – mit anderen Worten – handeln wie Götter. Wie Götter schaffen sie Werte aus dem Nichts, wie Götter lassen sie Volkswirtschaften entstehen, wachsen und gedeihen oder sie stoppen sie, lassen sie den Rückwärtsgang einlegen und bringen sie zum Einsturz. Ob die Manager der Weltfinanzen alles kontrollieren und auf Dauer alles kontrollieren werden, bleibt abzuwarten. Da das Verständnis für die Magie des Geldes den meisten von uns unzugänglich ist, und da die Einsicht in den wirklichen Stand der Dinge (die Gesamtheit der Daten über die Aktiva und Passiva der Weltbanken und der Weltwirtschaft) denjenigen von uns, die sich mit Geld auskennen, unzugänglich ist, können wir nur wie in einem dichten Nebel tappen und hoffen, dass uns eine weitere Krise nicht hart treffen wird.

 

Gefira Financial Bulletin #56 ist jetzt erhältlich

  • Ein weltumspannendes Phänomen
  • Die ewige Frage
  • Langanhaltende Fehde
  • Rückforderung von Grundstücken – ein jüdisches Aushängeschild

Frankreich vor der Wahl?

Frankreich befindet sich in einer schweren politischen Krise. Sie wird sich spätestens vor den Präsidentenwahlen im April 2022 zuspitzen.

Macrons Regierungen zeigten wie sehr die französischen Eliten von ihrem Volk entfernt sind. Die größten in der Geschichte des Landes Straßenproteste (seit der Französischen Revolution im 18. Jahrhundert) der Gelben Westen, Massenstreiks gegen die geplante Rentenreform und die im Vergleich zu anderen, etwa osteuropäischen Ländern, äußerst starke Anti-Lockdown-Bewegung zeigten, dass Macrons Legitimität eher von der Rotschild-Bank, wo er seine glänzende Karriere begann, als vom Volk kommt. Die Guillotine des Volkes kann aber im Frühling nächsten Jahres alle drei Hauptkandidaten für das Amt im Élysée-Palast enthaupten, Entschuldigung, von der politischen Szene wegfegen. Wer wird nämlich angesichts der kommenden Herbstviruswelle und steigender Preise auf dem Bauernmarkt an Macrons Versprechen der Belebung durch Entwicklung der klimaneutraleren Wirtschaft glauben? Wer wird an seinen „republikanischen Patriotismus“ glauben, in dem Land, wo muslimische Vereine, dicht verflochten mit arabischen Klans, die Straßen der Großstädte regieren? Wo pensionierte Generäle offen zum Putsch aufrufen, um „in einer gefahrvollen Mission ihrer zivilisatorischen Werte und ihrer Mitbürger auf dem nationalen Territorium zu schützen“? Wer wird denn Le Pen glauben, die sich von den von ihrem Vater gut überdachten konservativen Ideen immer mehr distanziert, indem sie z.B. die Idee des Rückzugs aus dem Schengen-Abkommens völlig verworfen hat? Wer wird daran glauben, dass ihre Forderung das Renteneintrittsalter von 62 (das niedrigste in den OECD-Ländern) auf 60 zu senken angesichts der kommenden Inflation und des Schuldenberges Paris sinnvoll und realisierbar ist? Bildungsfremde Migranten, die schrumpfende Mittelschicht oder gut ausgebildete Eliten? Le Pen und Macron nähern immer mehr einander, wie Feinde, die zu lange gegeneinander in ihren Schützengräben aufeinander geschossen haben. Le Pen verzichtet auf „radikale“ Ideen und Macron schlug sein Sicherheitsgesetz vor, um die Beamten zu beruhigen. Dient Le Pen mit ihren Vorschlägen zur Rentenreform nicht etwa den Bankiers, denen die Schulden Frankreichs gehören und die die Pleite jeden Staates herzlich willkommen? Die Umsetzung ihrer Idee des früheren Einstiegs in die Rente würde das Defizit des Rentensystems verdoppeln (um etwa 37 Mrd. Euro). Apropos Ausgaben: als Macron, der Superspezialist für Finanzen, 2017 sein Amt betritt, gaben französische Ministerien 3 Mrd. Euro aus. Mit seinem Zauberstock schafft er es nächstes Jahr bis auf 11 Mrd. der gemeinsamen Währung jährlich.

Der dritte Kandidat, der angeblich (laut Leitmedien) für etwas Wirbel bei den Wahlen sorgen kann ist Xavier Bertrand. Der ehemalige Minister von Sarkozy und Abgeordnete seit 12 Jahren ist ja aber ein im Ärmel vorbereiteter Trumpf der Eliten, der im richtigen Moment rausgezogen wird – falls Macron zu scheitern beginnt. Sein Programm liegt zwischen Rechts und Mitte, die Einzelheiten bleiben, wie in Frankreich üblich, bis zum letzten Moment geheim – das ist eben die bekannte Transparenz der bekanntesten, etablierten Parteien des demokratischen Westens Europas. Unwichtig, was er vor sich redet – sein Charisma ist gleich der Merkel’schen, also null.

Für den echten Wirbel wird unserer Meinung spätestens die „Straße“ sorgen. Erinnern Sie sich bitte an Peppe Grillo in Italien, der vom Komiker zum Rammbock gegen die erstarrten, alten politischen Parteien wurde. 1981 erreichte ein anderer Komiker Coluche 15% der Stimmen in den Präsidentenwahlen in Frankreich. Auch der neueste Fall des ukrainischen Präsidenten lehrt uns, dass man mit dem richtigen Finanzier wie Kolomojskyj den Gipfel in der Politik erreichen kann, auch wenn man früher nur für Unterhaltung der breiten Massen im Kabarett sorgte.  Somit sind die Gestalten wie Eric Zemmour (rechtsradikal, aber jüdisch-algerischer Abstammung) oder der Komiker und Schauspieler Jean-Marie Bigard, der so krass die Gelben Westen repräsentierte, potenzielle Kandidaten für das Amt eines der wichtigsten Länder Europas, wenn die Grundwurzelbewegungen das Steuer des Landes von der Straße her übernehmen oder wenn die Drahtzieher des Weltgeschehens sich das wünschen. Wählen Sie selbst, welche Variante Sie überzeugen wird. Die rein sprachliche Analyse der Namen einiger Parteien Frankreichs deutet ja auch auf eine „Revolution“ hin: die linksradikale France Insoumise (Unbeugsames Frankreich) von Jean Luce Mélenchon, Parti animaliste (Partei der Tiere) – zu viel Orwell gelesen? – von Hélène Thouy, La République en marche (Die Republik in Bewegung) von Macron und anderen Bankiers. Wählen Sie selbst, liebe Franzosen.

1 Frankreich: Pensionierte Offiziere drohen mit Putsch, Handelsblatt, 2021-04-28.

2 Christopher Dembik, Saxo Bank, interner Bericht für Kunden der Bank, 27.07.21.

Menschen aus der Dritten Welt als Waffe

Muammar Gaddafi war vielleicht der erste, Recep Tayyip Erdoğan trat in seine Fußstapfen und nun Alexander Lukaschenko. Sie alle versprachen, Auswanderer aus der Dritten Welt von Europa fernzuhalten, unter der Bedingung, dass sie in Ruhe gelassen werden und Geld erhalten. Der Westen hat sich von Muammar Gaddafi getrennt, was Hillary Clinton mit der Paraphrase eines antiken Aggressors abscheulich kommentierte: Wir kamen, wir sahen, er starb, worauf sie mit einem noch abscheulicheren Lachen folgte. Infolgedessen wurden die Schleusen für die Invasionen aus Afrika weit geöffnet. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bemerkte die Gelegenheit und spielte die gleiche Karte wie Muammar Gaddafi, indem er der Europäischen Union sagte: Entweder bezahlt ihr mich oder ihr bezahlt dafür. Brüssel hat einen Wucherpreis dafür bezahlt. Es kann nicht anders vor sich gehen, wenn man sich selbst die Fesseln all dieser Menschenrechts- und Migrationspakte und die Ideologie der Bereicherung durch menschliche Vielfalt auferlegt hat. Jetzt ist es an der Zeit, dass der belorussische Präsident die gleiche Strategie anwendet.

Seit Jahren steht Belarus im Fadenkreuz des kollektiven Post-Westens. Auf Sanktionen gegen Minsk folgten Sanktionen, Alexander Lukaschenko wurde als ein Bösewicht gebrandmarkt, der nicht zu guter Gesellschaft gehört, während Polen und Litauen – die willigen Vollstrecker des Westens – immer wieder einen Angriff nach dem anderen gegen ihren Nachbarn unternahmen: Warschau finanziert seit Jahren den Fernsehsender Belsat, eine Art Radio Free Europe, der regierungsfeindliche Inhalte ausstrahlt, während Litauen Swetlana Tichanowskaja, die zur Anführerin der Opposition gegen Präsident Lukaschenko auserkoren wurde, großzügig bewirtet. Es versteht sich von selbst, dass die polnischen und litauischen Geheimdienste die Minsker Behörden mit Füßen traten, um sie zu stürzen und das Land zu destabilisieren: Sie organisierten und kontrollierten Straßenkrawallen und unterstützten die Massen mit allen möglichen Informationen und Propaganda. Klein-Litauen, eine postsowjetische Republik, die fast ein Drittel ihrer Bevölkerung (vor allem junge Menschen mittleren Alters) durch die Auswanderung in den Westen verloren hat, anstatt die eigene Bevölkerung im Land zu halten, hat Weißrussland den Fehdehandschuh hingeworfen. Die litauischen Behörden mussten nicht lange auf die Rache von Präsident Lukaschenko warten.

Belavia, Wiki. Continue reading

Ich verstehe es einfach nicht. Können Sie mir helfen?

Wenn man die politische Szene in den Medien und vor allem im Internet beobachtet, sieht man Hunderte von Organisationen – staatliche und nichtstaatliche – Stiftungen, Agenden, Institute und was auch nicht alles, die mit den Vereinten Nationen oder den Vereinigten Staaten oder der Europäischen Union verbunden sind, die alle darauf bedacht sind, die Menschenrechte durchzusetzen, zu verbreiten, zu verteidigen und besessen davon sind, Diskriminierung aufgrund von – und hier haben wir das Mantra der Rasse, der Religion, der Nationalität und des Geschlechts oder – im modernen Sprachgebrauch – des Genders zu bekämpfen. Hier sind einige Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte.

ERSTENS. Warum sind diese Aktivisten mit dem Rechtsstaat nicht zufrieden? Der Rechtsstaat schützt jeden davor, überfallen, belästigt, angegriffen, beraubt, betrogen und dergleichen zu werden. Warum brauchen sie dieses ganze Mantra, dass ein Verbrechen wegen der Rasse, Religion, Nationalität und des Geschlechts begangen wird? Diese Wortfolge wird auf jeder Website der genannten Organisationen so häufig wiederholt, dass man Würfelhusten bekommt. Warum zum Teufel sollte es eine Rolle spielen, ob ich jemanden wegen seiner Hautfarbe oder wegen seines Aussehens oder seiner Kleidung oder seiner Tätowierungen anspreche? Es ist der Akt des Angreifens, des Überfalls, des Betrugs, des tätlichen Angriffs, der beurteilt und bestraft werden sollte, nicht die Motivation, nicht die Gefühle, um Himmels willen! Sollte ich weniger hart bestraft werden, wenn ich ein Opfer wegen seiner Tätowierungen überfalle, und härter, wenn ich es wegen seiner Religion überfalle? Ich begreife das einfach nicht.

Stellen Sie sich vor, ich spreche eine Frau auf der Straße an, wofür ich nach dem Gesetz eine Strafe verdiene. Warum sollte es den Richter interessieren, ob ich die Frau angegriffen habe, weil sie schwarz oder gelb ist, oder weil sie Muslimin oder Atheistin ist? Ich verstehe es einfach nicht, Sie etwa? Es ist unser Menschenrecht oder – noch besser – unsere biologische, psychologische Natur, dass wir manche Menschen wegen ihres Verhaltens oder ihres Aussehens oder ihrer Überzeugungen nicht mögen. Daran kann man nichts ändern, solange man mit normalen Menschen zu tun hat. Man kann nur ihre Handlungen einschränken, nicht ihre Gefühle, Meinungen, Überzeugungen.

ZWEITENS. Warum dieses Beharren auf Antidiskriminierungsgesetze, wenn es um Beschäftigung, Mitgliedschaft, Einwanderung und Ähnliches geht? Warum sollte sich jemand einer Gruppe von Menschen aufdrängen wollen, bei der er nicht beliebt ist? Woher nehmen diese Menschen, die sich anderen aufdrängen wollen, ihre Würde? Warum sollte ich verlangen, dass ich von Menschen akzeptiert werde, deren Wertvorstellungen, Überzeugungen, Meinungen, Verhaltensweisen denen der meinen drastisch entgegengesetzt sind? Warum sollte ich überhaupt daran denken, die Menschen in einem Land, in das ich mit meiner Großfamilie einwandere, umzuerziehen, warum sollte ich die Frechheit besitzen, mich ihnen aufzudrängen und sie der Ungastlichkeit zu bezichtigen, wenn sie mich nicht akzeptieren? Noch einmal: Wo bleibt meine Würde? Ich verstehe es einfach nicht, wirklich. Continue reading

Machen Sie den Planeten glücklich: Handeln Sie und bekommen Sie keine Kinder!

Es gab eine Zeit, in der die Menschen dachten, dass es in der Geschichte um die Taten von Helden geht: Anführern, Kämpfern, Königen und Königinnen. Dann kam die Zeit, in der die Menschen dachten, dass Geschichte von der Wirtschaft angetrieben wird: das Konzept des historischen Materialismus war geboren. Heute wird den Historikern immer klarer, dass es in der Geschichte um die Biologie geht – der Mensch ist schließlich ein biologisches Wesen – und obwohl die Ökonomie, d.h. der Austausch von Waren und Dienstleistungen, immer noch eine sehr wichtige Rolle spielt, erklärt sie das menschliche Verhalten bei weitem nicht vollständig. Der Mensch besteht aus Körper und Psyche (alte Terminologie: Seele, was die Übersetzung des griechischen Wortes psyche ist). Wir alle sind zwangsläufig Teilnehmer des Marktes, wir alle müssen, um zu überleben, anderen etwas anbieten, um die Waren und Dienstleistungen zu erhalten, die wir brauchen. Dennoch streben wir nicht alle danach, uns grenzenlos zu bereichern. Jimmy möchte Flugzeugmodelle bauen, Cathy verbringt ihre Zeit mit der Gartenarbeit, George geht am liebsten angeln, während Laura vor allem das Reisen liebt. Sie alle brauchen Geld, um ihren Hobbys oder Interessen nachzugehen, doch sie brauchen keine Millionen. Sie werden von ihren Leidenschaften angetrieben und diese sind in ihrer Psyche angelegt. Keith möchte Landschaften malen, Fiona möchte verschiedene Kuchen ausprobieren, Mark spielt Gitarre und Lucy möchte ihre Zuschauer mit ihrem Können als Tänzerin beeindrucken. Das sind psychologische Bedürfnisse, die – nachdem die körperlichen Bedürfnisse (auch nur teilweise) befriedigt sind – danach verlangen, dass sie erfüllt werden.

Die menschliche Psychologie sucht nach Sinn. Der Mensch braucht einen Sinn im Leben, sonst fühlt er sich unglücklich. Das Anhäufen von Vermögen mag eine der Manifestationen vom Sinn sein, aber da der Mensch ein Mensch ist, ist es nicht die einzige Manifestation, und selbst wenn er davon besessen ist, will er, sobald er Geld hat, dieses auch für Dinge ausgeben, die nichts mit seinem materiellen Wohlbefinden zu tun haben. Er will andere mit seiner Güte, Größe, Großherzigkeit, Ideen und dergleichen beeindrucken. Schauen Sie sich die Milliardäre an: Sie alle haben Stiftungen, sie alle unterstützen Ideen, sie alle verwenden ihr Geld für andere Dinge als die Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse. Das ist die Funktion der menschlichen Psyche. Wenn ein Tier gut gefüttert, ihm warm ist und wenn es sich sicher fühlt, wird es liegen und schlafen. Ein Mensch wird, wenn er gut ernährt, ihm warm ist und wenn er sich sicher fühlt, zu handeln beginnen.

Das sind offensichtliche Dinge.

Welches ist nun das größte Ziel, das ein Mensch verfolgen kann? Es ist, von der größtmöglichen Anzahl anderer Menschen bewundert, geliebt und verfolgt zu werden. Wie kann man von der größten Anzahl anderer Männer und Frauen geliebt, bewundert und nachgefolgt werden? Einen Hit zu singen oder ein beliebter Schauspieler zu sein, sind einige der Lösungen, aber auch der beliebteste Hit oder Film ist nicht bei allen beliebt und wenn auch, dann nicht für lange Zeit. Menschen haben unterschiedliche, veränderliche Vorlieben. Außerdem muss man ein künstlerisch begabter Mensch sein. Es gibt jedoch Dinge, die alle Menschen schätzen: ihr eigenes Leben. Wenn Sie sich also in die Rolle des Retters der Menschheit, des menschlichen Lebens insgesamt, versetzen können, haben Sie es geschafft. Alle werden Ihnen folgen, Sie bewundern, lieben, ihnen Dankbarkeit zeigen, die durch nichts zu übertreffen ist. Auch diejenigen, die dem Retter der Menschheit folgen werden, werden spüren, dass sie einen Sinn im Leben haben. Sie werden sich im Glanz des Erlösers wiederfinden und an dem großen Projekt teilnehmen können.

Das ist – wie gesagt – die menschliche Psyche und es ist die menschliche Psyche, die den Menschen letztlich zum Handeln bringt.  Continue reading

Persona grata

Der russischen Mannschaft, die in wenigen Tagen an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen wird, wurde das Tragen jeglicher Zeichen der nationalen Identität untersagt, einschließlich des Staatswappens, Singens der Hymne und des Namens Russland oder Russisch selbst. Dies ist – wie denjenigen, die sich für internationale Sportereignisse interessieren, wohl bekannt ist – eine Strafe für das angebliche staatlich geförderte Doping, das insbesondere während der Olympischen Winterspiele in Sotschi betrieben wurde. Das Internationale Olympische Komitee verhängte die Sperre aufgrund der Ermittlungen der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), die angeblich die bewusste Beteiligung des Kremls an dieser kriminellen Aktivität bewiesen.

Grigori Rodtschenkow, der eine Zeit lang als Direktor des Anti-Doping-Zentrums, des bei der WADA akkreditierten russischen Labors, arbeitete, erwies sich als Schlüssel in der ganzen Affäre, indem er in den Westen überlief und – ein populärer Begriff – ein Whistleblower wurde. Seine Aussagen entlarvten Russland als einen Staat, der auf Biegen und Brechen sein internationales Prestige verbessern wollte. Man braucht nicht hinzuzufügen, dass Moskau die Vorwürfe bestritt und dagegen Berufung einlegte. Das Verbot für Russland, an großen Sportereignissen teilzunehmen oder diese zu veranstalten, blieb in Kraft, obwohl seine Laufzeit verkürzt wurde. 

Eine Untersuchung, vor allem von Seiten unabhängiger Journalisten – davon gibt es heutzutage so viele! –, ist nicht sinnvoll. Es mag sein, dass die Vorwürfe begründet sind, es mag sein, dass sie teilweise begründet sind, es mag sein, dass sie es nicht sind. Die ganze Affäre mag inszeniert gewesen sein oder nicht, wer kann das schon sagen? Wir haben keinen Zugang zu allen Daten von allen beteiligten Stellen und Institutionen und werden den Zugang nie haben, weshalb – wie gesagt – eine Recherche keinen Sinn macht. Lassen Sie uns stattdessen die Dinge auflisten, die für alle sichtbar sind.

[1] Die von Grigori Rodtschenkow erzählte Geschichte wurde im Dokumentarfilm “Icarus” von 2017 verwendet, der 2018 den Oscar für den besten Dokumentarfilm erhielt;

[2] Grigori Rodtschenkow schrieb auch das Buch “How I Brought Down Russia’s Secret Doping Empire”, das 2020 mit dem William Hill Sports Book of the Year Award ausgezeichnet wurde;

[3] die mächtige russische Nationalhymne wird während der Olympischen Spiele in Tokio 2021 nicht zu hören sein, noch werden die Zuschauer russische Nationalflaggen sehen oder die Worte Russland oder Russisch hören oder lesen.

Auf der internationalen Bühne ist nur ein Russland, das seines Russischseins entkleidet ist, persona grata.

Das Logo, an dem die russischen Sportler in Tokio zu erkennen sein werden.