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Die Diaspora der Jungen Italiener

Daniel Moscardi

Michele Valentini, ein perfekter niemand aus nirgendwo. Kaum jemand von den Bewohnern seiner Heimatstadt Tarcento, im Nord-Osten von Italien nah an der Grenze zu Slowenien gelegen, kann sich an ihn erinnern. Der ruhige, im Umgang mit den anderen milde, dreißigjährige Michele war ein Mensch, von dem niemand erwartet hätte, dass er so was tut, was Schlagzeilen macht. Leider war es so. Im Februar nahm er sich das Leben, hinterließ einen langen Brief an seine Eltern, in dem er die Gründe erklärte, warum er von der Gesellschaft Abschied nimmt, in der er nicht mehr in der Lage war, weiterhin zu leben.1)La lettera di Michele che si è ucciso a trent’anni perchè stanco del precariato e di una vita fatta di rifiuti, Messagero 2017-02-07.

Michele Valentini litt unter einem Beschwerden, der letztens Millionen von jungen und nicht nur jungen Italienern zuteilwurde: der Schwierigkeit, ja sogar noch schlimmer – der Unmöglichkeit, eine anständige, feste Arbeit zu finden. Den Beschwerden kann man als eine „stille Verzweiflung“ bezeichnen.

Sein Abschiedsbrief war ein verzweifeltes j’accuse an die ganze Gesellschaft und an die jetzige Regierung insbesondere: am Ende stand da eine sarkastische Bemerkung zum italienischen Minister für Arbeit und Soziales Giuliano Poletti.

Poletti wurde 2014 von dem ehemaligen Minister Matteo Renzi ernannt und bekleidete das Amt in der Regierung von Paolo Gentiloni, der zum Ministerpräsidenten im Dezember, gleich nach dem Rücktritt Renzis, berufen wurde. Poletti wurde sofort nach seiner Berufung durch seine Aussage bekannt, dass es um die hunderttausend Italiener, die jedes Jahr ihr Land verlassen, gar nicht schade sei, denn „Italien wird davon profitieren“.2)Poletti: “Giovani italiani vanno all’estero? Alcuni meglio non averli tra i piedi”. Poi le scuse. Utenti su Twitter: “Dimissioni”, Il Fatto Quotidiano 2016-12-19.

Seine Worte riefen in mir einen Flashback hervor. In meinen Erinnerungen kam ich auf die Siebziger zurück und einen von meinen Lieblingsfilmen zurück: Scarface (1983), oder genauer gesagt an die Anfangsszene da, die mit den Aufnahmen einer der Rede von Fidel Castro aus dem Jahr 1980 begann, in der er tausende von seinen Landsleuten, die durch den Hafen von Mariel die Insel verließen, folgenderweise ansprach: „Wir wollen die hier nicht mehr, wir brauchen die hier nicht mehr“.3)Scarface Intro – Fidel Castro Speech, YouTube 2010-05-07.

Wer weiß, vielleicht brachten endgültig die Worte von Poletti Michele dazu, sich sein Leben zu nehmen? Wer weiß, vielleicht fühlte sich Michele – wie kann man es richtig ausdrücken – ungewollt, unnötig in seinem eigenen Land.

Nein, Poletti ist doch kein Fidel. Vom Äußeren her eher unähnlich, wenn auch seine Äußerung ebenso unverschämt wie die von Fidel ist. Poletti ist Inbegriff der italienischen Regierung von heute (der vierten Regierung, die seit dem Rücktritt Berlusconis nicht infolge der Wahlen gebildet wurde). Die Oligarchie, die zurzeit in der BRI (in der Bananenrepublik Italiens) an der Macht bleibt, hörte sogar auf, anzugeben, dass sie ehrlich und anständig ist. Die weiß doch, dass die Italiener sie nicht gern haben und machen sich deswegen keine Sorgen. Egal – ihr Ziel sei es doch nicht etwa dem Volke zu dienen. Ihre Ziele sind ja: erstens den ethnischen Austausch von Italienern zu einer undefinierten Kreuzung von Mischlingen zustande zu bringen, und zweitens alles, was noch im Besitz des italienischen Staates ist, an Fremde zu verkaufen.

Sehen wir uns noch eine andere wichtige Person in der italienischen Regierung an, die Ministerin für Bildung, Hochschulwesen und Forschung. Die Nachfolgerin von Stefania Giannini, der Professorin der Universität in Peruggia, einer Frau, die ja noch amtsfähig war, übernahm im Dezember 2016 Valeria Fedeli den Posten, die in einem normalen Land (sprich nicht in der BRI) glücklich wäre, wenn sie die Stelle als Sekretärin oder Hausmeisterin bekäme. Und hier auf einmal, wurde sie gnädige Frau Ministerin, alles nur durch ihre organisatorische „Erfahrung“ in der berüchtigten Gewerkschaft CGIL.

Valeria Fedeli

Und hier, bitte schön, eine typische italienische Szene. Offensichtlich empfand sie die Tatsache als peinlich, dass in ihrem Lebenslauf ein Hochschulabschluss fehlt, ebenso wie sie mit ihrem Äußeren unzufrieden war und dachte sich, es wäre nicht Übles daran, wenn man seinen Werdegang ein bisschen kreativ gestaltet und – voilà – da tauchte auf einmal ein Abschluss in „Sozialwissenschaften“ auf. Seien wir doch mal ehrlich zueinander: hätten die Italiener ihre Zeit für die Lektüre der Lebensläufen ihrer Minister vergeudet?

Es fand sich aber einer, der sich die Mühe gab und entdeckte, dass der beeindruckende Abschluss in Soziologie ein Schwachsinn ist. Hätte jemand gedacht, dass die Ministerin, nachdem ihre Lüge ans Tageslicht gekommen war, vor Scham zurücktritt? Von wegen! Nicht in Italien. Nach einer kurzen Verlegenheit gab ihr Stab bekannt, dass am ganzen Wirbel „ein lexikalischer Fehler“ schuld war. Was soll’s: Italien ist doch ein Land der Kunst und der Phantasie.4)Dopo la bufera il ministro Fedeli cambia il suo curriculum, il Giornale.it 2016-12-14.

Kommen wir doch zu Poletti zurück. Schlagzeilen machte nicht nur seine oben zitierten Worte, aber auch die Tatsache, dass seine Familie kaum über die Runden kommt. Es stellte sich heraus, dass sein Sohn nicht einmal das Schicksal anderer italienischer Jugendlichen teilen will, die gezwungen wird, das Glück im Ausland zu suchen; sein Sohn nahm eine bequeme Stellung als Präsident der cooperativa rossa ein, der roten Genossenschaft, die reichlich mit öffentlichen Geldern bezahlt wird. Was soll’s: so sind die Italiener – die Familie ist am wichtigsten.5)Poletti jr. non emigra: lavora nel feudo di papà e prende soldi pubblici, il Giornale.it 2016-12-21.

Giuliano Amato

Als ich Kommentare las, die im Internet nach Pollettis Äußerungen im Internet unausweichlich auftauchten mussten, traf ich auf einen Brief, der hier zu zitieren ist. Er wurde von einem jungen Juristen vom süditalienischen Hafen Bari verfasst, der beruflich (und finanziell) in Dublin erfolgreich wurde.

Sehr geehrter Herr,(…) nachdem ich ihren Lebenslauf flüchtig gelesen habe, kann ich Sie versichern, dass Sie nicht einmal als Kellner im Hotel eingestellt würden, wo ich tätig bin, seitdem ich gezwungen wurde, meine Heimat zu verlassen, um nach einer besser Zukunft zu suchen.(…) Aus Ihrem Lebenslauf geht klar hervor, dass Sie nicht einmal einen Tag in Ihrem Leben durchgearbeitet haben und dass Sie keine Ahnung haben, was es bedeutet einen demotivierenden Aufenthalt im fremden Land erleben und mit seinen mangelhaften Sprachekenntnissen ringen zu müssen.(…) Sie sind ein typischer Mitglied der arroganten, von ihrer Nation ausgerotteten politischen Elite, die ihr Leben in Elfenbeintürmen führt und astronomisch hohe Gehälter bezieht, die sie für sich selber und für ihre Familien bestimmte. (…) Ich bin’s, der zusammen mit tausenden von jungen Italienern, die Jahr jährlich unser Land verlassen, der Gegenstand ihrer Sorgen sein sollte. Die Sorgen, dass Italien seine besten Söhne und Töchter verliert, sollten Ihnen den Schlaf rauben…“

Wenn man sich die Mühe gibt in die Lebensläufe der Minister und ihrer Vertreter der jetzigen Regierung zu schauen, da merkt man einen gemeinsamen Nenner: sie sind, egal ob auf dem lokalen oder nationalen Niveau, seit jeher in der Politik. Man sieht sich ihre Lebensläufe an, in denen es von „unglücklichen Formulierungen“ wimmelt und es wird einem bewusst, dass die Menschen außerhalb der Politik nicht einmal einen Tag verbrachten. So wie Parasiten fanden sie eine Überträger: wozu sollten sie denn ihre Lebensweise ändern?

Wenn man von der Politik lebt und sein Brot nicht mühsam verdienen muss, und insbesondere, wenn man der Finanzminister in der BRI ist, dann muss sich der Mensch nicht mit solchen Einzelheiten beschäftigen, wie etwa der Preis eines Liters Milch oder Benzin.6)Il Ministro Padoan non conosce prezzo di latte e benzina!!! YouTube 2016-11-17.

Michele Valentini und der junge Jurist aus Bari hätten in ihren Städten bleiben können. Sie hätten versuchen können, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie Pizza zugestellt oder in Call Centers gejobbt und Menschen neue Handys oder andere unnötige Dinge verkauft hätten. Warum nicht – zu Hause wartet doch immer noch mamma, die das Essen vorbereitet und Wäsche wäscht. Eben auf diese Weise (an Larven ähnlich) vergeuden ihre Tage Millionen von jungen Italienern, denen bewusst ist, dass es für sie keine Zukunft gibt. Die beiden beschlossen aber sich ins Ungewisse zu begeben, Unsicherheit zu riskieren. Das Einzige, was für sie sicher war, dass sie ein höheres Ansehen als in ihrer Heimat genießen werden. Wahrhaftig, sogar Toiletten in Invercargill, in Neuseeland zu putzen ist eine viel bessere Wahl als endgültig Waffen zu niederlegen und aufs gute Leben zu verzichten.

Jemand sollte Poletti und seinen Kumpeln von der Regierung auf einige (erschreckende) Daten hinweisen: Italien wirft buchstäblich Milliarden für das vom Staat finanzierte Bildungswesen aus dem Fenster, dessen sich junge Menschen erfreuen, die anschließend ihre Kenntnisse und ihr Wissen in einem anderen Land vermarkten. Im Klartext: Italien bezahlt die Ausbildung der Italiener, die zur wertvollen Arbeitskraft in der Fremde werden. Schätzungen zeigen, dass Italiener, die zwischen 2008 und 2014 ins Ausland gingen, einen Nettoverlust von 23 Milliarden Euro für den italienischen Staat bedeuteten.7)Il laureato emigrante: un capitale umano costato 23 miliardi che l’Italia regala all’estero, repubblica.it 2015-03-23.

Was soll’s: vielleicht ist Poletti ein Genie, das niemand zu schätzen weiß, das nicht nur eine spitze Zunge hat, sondern auch weiß, dass einen Lebenslauf zu schicken, in dem ein mühsames Streben nach Wissen und Erfahrung beschrieben wird, sinnlos ist – wozu denn, wenn man während eines Fußballspiels richtige Beziehungen finden kann?8)Poletti, l’ultima ai giovani: “Per trovare lavoro, è meglio giocare a calcetto che mandare cv”, Il Fatto Quotidiano 2017-03-27.

Das, was Poletti macht, wurde in Italien zum Standard: hier bekommt man eine Stelle nur durch Beziehungen. Natürlich, nicht nur in Italien ist es so. Doch Italien steht unter anderen Ländern an der Spitze, wenn es um Vitamin B geht. Poletti mit allen Regierungsmitgliedern, die nicht infolge von Wahlen ins Amt berufen wurden, ist nicht legitim – er erhielt seine Stelle nur durch Beziehungen, befreundete Politiker, und nicht dank seinem Wissen oder seiner angemessen guten Ausbildung. Keiner von den Ministern wurde ins Amt berufen, weil sie dazu taugen, weil sie als Vertreter des Volkes seinem Wohlergehen dienen wollen, sondern weil sie im Netzwerk von Beziehungen funktionieren, das ihnen, ihren Familien und ihren Bekannten zugunsten agiert. So funktioniert die Bananenrepublik.

Cicero schrieb, dass die Natur kein Vakuum duldet. Satis argumenti est ab interitu naturam abhorrere. Wenn er Italien von heute hätte sehen können, wäre er sicherlich zufrieden gewesen, weil seine Behauptung sich bestätigt. Laut Schätzungen sollen in diesem Jahr in Italien 250.000 „Migranten“ „aufgenommen“ werden, was einen Rekord bedeutet.

Auch wenn die offiziellen Angaben von etwa 100.000 Italienern berichten, die jährlich ihr Land verlassen, sind sie wahrscheinlich herabgedrückt – es ist ein offenes Geheimnis, dass ihre Zahl in der Tatsache mindestens zweimal höher ist, nun verzichten sie aus irgendwelchen Gründen nicht sich in Italien auf dem Amt abzumelden. Die Zahlen lügen nicht. Der ethnische Austausch ist eine Tatsache, der nicht zu widersprechen ist.

Und wenn ein ganz großer Teil der NI-er (Neuen Italiener) an die italienische Küste dank der Höflichkeit des Menschenfreundes Chris Catrambone gebracht wird, wäre es vielleicht keine schlechte Idee, wenn die jungen Italiener beginnen würden, nach der Arbeit irgendwo in Louisiana zu suchen, indem sie von den Online erteilten ESTA-Visen Gebrauch machen würden, die den Italienern (noch) ermöglichen, frei in die USA zu reisen? Der USA-Staat hat nämlich eine Fläche von einem Drittel Italien und nur 5 Millionen Einwohner.9)Louisiana, Wikipedia.Also genug Platz, um ein neues Leben zu beginnen, und der ehrenwerte Herr Catrambone mit seiner schönen Frau Regina könnte sich mit einem neuen Geschäft beschäftigen: Umsiedlungen von Italienern.

References   [ + ]

1. La lettera di Michele che si è ucciso a trent’anni perchè stanco del precariato e di una vita fatta di rifiuti, Messagero 2017-02-07.
2. Poletti: “Giovani italiani vanno all’estero? Alcuni meglio non averli tra i piedi”. Poi le scuse. Utenti su Twitter: “Dimissioni”, Il Fatto Quotidiano 2016-12-19.
3. Scarface Intro – Fidel Castro Speech, YouTube 2010-05-07.
4. Dopo la bufera il ministro Fedeli cambia il suo curriculum, il Giornale.it 2016-12-14.
5. Poletti jr. non emigra: lavora nel feudo di papà e prende soldi pubblici, il Giornale.it 2016-12-21.
6. Il Ministro Padoan non conosce prezzo di latte e benzina!!! YouTube 2016-11-17.
7. Il laureato emigrante: un capitale umano costato 23 miliardi che l’Italia regala all’estero, repubblica.it 2015-03-23.
8. Poletti, l’ultima ai giovani: “Per trovare lavoro, è meglio giocare a calcetto che mandare cv”, Il Fatto Quotidiano 2017-03-27.
9. Louisiana, Wikipedia.

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