Der europäische Blickwinkel. Auf dem Weg in die Welt von Morgen.




Burning Man – ein aufkeimender Kult

Seit jeher gibt es in der Menschheit zwei Kategorien von Menschen: diejenigen, die die Realität akzeptieren und sogar umarmen, und diejenigen, die dagegen rebellieren und versuchen, ihr zu entfliehen oder sie zu verbessern. Vielleicht ist es eine psychologische Sache: Es gibt Individuen, die mit der Welt, wie sie ist, zurechtkommen, was auch immer passieren mag, und Individuen, die das nicht können und ab und zu ein Sabbatical brauchen.

Jedes Jahr kommen in immer größerer Zahl junge, berufstätige, überwiegend weiße Amerikaner und Kanadier mit den zu Monstern umgebauten Fahrzeugen nach Black Rock City, Nevada, irgendwo in der Black Rock Desert, nördlich von Reno, um acht Tage damit zu verbringen, Spaß zu haben, Yoga zu machen, Musik zu hören, sich untereinander zu teilen und sich einander zu bescheren, wie sie es sagen, und sich vor allen Formen des heutigen Aberglaubens zu verneigen. Die scheinbar ad-hoc geschaffene Gemeinschaft hat ihre zehn Gebote, die Prinzipien des brennenden Mannes genannt werden, und diese sind:

  1 radikale Inklusion (jeder ist willkommen);
  2 Schenken (ohne Erwartung der Gegenseitigkeit);
  3 Dekommodifizierung (kein kommerzielles Sponsoring);
  4 radikale Selbstverantwortung (Vertrauen auf die inneren Ressourcen des eigenen Selbst);
  5 radikaler Selbstausdruck (der von jedem Individuum selbst zu bestimmen ist);
  6 gemeinschaftliche Anstrengung (Kooperation, Kollaboration und – um das dritte Synonym zu zitieren, das auf der Burning Man-Website vorkommt – Interaktion);
  7 bürgerliche Verantwortung (Einhaltung des Gesetzes);
  8 keine Spuren hinterlassen (Sauberkeit der Umwelt);
  9 Partizipation (Sein durch Tun); und
10 Unmittelbarkeit (unmittelbare Erfahrung).

Die Regeln sind eher vage und bieten sich für eine breite Auslegung an. Aber Bilder sagen mehr als Worte. Die Jugendlichen, die sich in Black Rock City versammeln, amüsieren sich einfach bei Tanz, Spiel und Musik. Sie kommen in Scharen und geordnet an, lassen sich um die große Figur eines Mannes nieder, die am Ende des Festes verbrannt werden soll, und versuchen, die anderen mit ihrem Aussehen und Verhalten zu beeindrucken. Es erinnert an die Bilder von Flower Power und – wenn man bedenkt, dass die ursprüngliche Veranstaltung 1986 in San Francisco stattfand – an Scott McKenzies Song San Francisco. Das menschliche Sammelsurium erinnert auch an Schwulenparaden. 2019 wurde der als Playa bezeichnete Ort mit fast 80.000 Teilnehmern zum Leben erweckt: Influencer, Prominente und die Elite des Silicon Valley waren mit dabei. Nur die ersten paar Anfangsveranstaltungen waren kostenlos. Später begann man, Tickets zu verkaufen, und der Preis für die Teilnahme an den Feierlichkeiten und der Verbrennung einer Menschenfigur zur Sommersonnenwende stieg von 15 Dollar auf 500 Dollar und mehr.

Seit 2000 wurde auch ein Tempel errichtet, der jedes Mal einem anderen Konzept wie etwa Freude, Hoffnung, Wandel oder Ganzheitlichkeit gewidmet war.

Sind wir Zeugen eines aufkeimenden Kults? Einer neuen Bewegung? Ist sie so spontan, wie sie dargestellt wird? Die achttägige Wüstenstadt lässt an Kommunismus denken, doch die Teilnahme dran ist aufwendig. Der Akt der Verbrennung eines Menschenfigur lässt an heidnische Opferungen denken. Die Anwesenheit eines Tempels verleiht dem Ganzen einen religiösen Anstrich. Der Anblick der umgebauten Autos und der Menschen in allen möglichen außergewöhnlichen Kleidern könnte direkt von einem mexikanischen Fest oder aus Indien stammen. Die Teilnehmer werden ermutigt, sich so auszudrücken, wie sie es sich wünschen, aber offensichtlich handelt es sich um eine Zusammenkunft von Menschen mit einem sehr ähnlichen psychologischen Profil. Wie gesagt, die Prominenten, die Künstler, die Influencer, allgemein wohlhabende Menschen – die ganze Gruppe hebt sich von den gewöhnlichen Bürgern ab. Eines Tages werden sie die herrschenden Eliten der westlichen Welt sein. Was für eine Welt wird das dann sein? Ist die Inklusion – das allererste Prinzip der Veranstaltung – gleichzusetzen mit dem inklusiven Kapitalismus, dem Geistesprodukt von Lady Lynn Forester de Rothschild? Die Top-Manager der Welt haben es geschafft, den Vatikan für die Schaffung des neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells zu rekrutieren: Werden die Burning-Man-Events ein weiterer Teil desselben Prozesses (sein)? Denn, ob Vatikanstadt oder Black Rock City, beide verehren und fordern Vielfalt, Inklusion und Mutter Erde. Der gemeinsame Nenner ist bereits da, für alle zu sehen.

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