Der europäische Blickwinkel. Auf dem Weg in die Welt von Morgen.




Kasachstan: ein weiteres Opfer des Chaos und der Globalspiele

Die Zeit der Stabilität und des Wohlergehens Kasachstans ist dabei dahinzuschreiten. Diese Folgerung wird nicht aus den neuesten Protesten und der Schießerei in der Stadt Aqtöbe gezogen, sondern aus der panischen Reaktion des Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Dem 75 jährigen Führer der Nation und seinen Amtspersonen zufolge sind die neuesten Entwicklungen eine „bunte Revolution”, die einen „Staatsstreich“ beabsichtigen, der von „pseudoreligiösen Extremisten“ gemacht wird, welche durch inhaftierte pro-russische Geschäftsleute finanziert werden; diese Meinung hat der Präsident geäußert, trotz Tatsache, dass er zuvor behauptet hat, es sei die „fünfte Spalte“ undefinierter Dritter (westlicher) Mächte, die versucht hätten die interne Politik Kasachstans zu beeinträchtigen. Wahnsinn. Als gäbe es nicht den starken Rückgang der Öleinnahmen, was damit nichts zu tun hat, in einem Land, das davon 1,7 Millionen Tonnen täglich produziert.

Was die Sache nur noch schlimmer macht, ist die Tatsache, dass man nicht genau weiß, ob das Ereignis in Aqtöbe von den Wahhabiten oder anderen islamischen Terroristen vorbereitet wurde. Gewöhnlich greifen religiöse Fanatiker keine Waffenläden oder Militäreinheiten an, aber sie bevorzugen Bombardierungen und Zufallsopfer bei Massenmord.1)Kazakhstan: Nazarbayev Embraces Color Revolution Paranoia, Eurasia.net 2016-06-08 Zudem tragen sie gewöhnlich Bärte, wohingegen die meisten Angreifer glatt rasiert waren.2)Nazarbayev believes that in the tragedy of Aktobe blame the “color revolution”, The Newspapers 2016-06-09 Das Radio Free Europe unterschiebt die Verantwortung für den Angriff der „Armee der Befreiung von Kasachstan“, welche, den Amtspersonen und einiger anderer Experten zufolge, nicht einmal existiert. Die Vielzahl an Fehlinformationen ist riesig.
Solange der Ölpreis hoch war, wurde Kasachstan als eines der sich am schnellsten entwickelten Länder der Welt gesehen. Dies ist aber nicht länger der Fall und große Probleme können entstehen. am schnellsten entwickelten Länder der Welt gesehen. Dies ist aber nicht länger der Fall und große Probleme können entstehen.

1. Die Folge nach Nursultan Nasarbajew
Der derzeitige Präsident Kasachstans regiert seit 1989. Er war bereits Führer bevor diese ehemalige Sowjetrepublik die Selbständigkeit wiedererlangt hat. Trotz seines Alters und seiner vermeintlichen gesundheitlichen Probleme, hat er keine klaren Pläne mit Nachfolge verkündet, so dass eine Menge Interessengruppen einen Kampf um die Macht begonnen haben können. Zu alledem hat Nasarbajew ohne Überzeugung, wenn unvernünftig die Schuld an der Unruhe (1.000 Personen, die während des Protests in Haft behalten wurden) allen Gegnern gegeben, den glaubhaften und den unglaubhaften: den westlichen Ländern, den Terroristen und sogar den Russen.
Die Proteste vom April und Mai wurden angeblich „organisiert und finanziert“ von Tokhtar Tuleshov, dem Hauptverschwörer und Unternehmer aus Südkasachstan, mit guten Beziehungen zu Russland und Schulden von 100 Mio. Dollar.3)Nazarbayev on the Rocks: ‘Terror,’ ‘Coup’ Claims Shake Kazakhstan, The Moskow Times 2016-06-08 Tuleshov ist ebenfalls verantwortlich für das Zentrum der Analyse terroristischer Bedrohungen, eine kasachische Tochtergesellschaft mit ihrem Sitz in Russland, die für ihre antiwestliche Propaganda bekannt ist.

2. Die russische Minderheit
Nasarbajews Unmut gegenüber Russlands hat sich seit der Zeit der Krimkrise und seitdem Wladimir Putin eine „aktive Verteidigung” der Russen, die im Ausland leben, gelobt vergrößert.4)Putin Vows to ‘Actively Defend’ Russians Living Abroad, Atlantic Council 2014-07-02 Die Russen machen nur 22% der 17 Mio. Bevölkerung Kasachstans aus, wohingegen 1989 die Anzahl der Russen und Kasachen beinahe gleich war. Jedoch verdichtet sich die russische Minderheit auf der nördlichen Seite des Landes, wobei sie in bestimmten Gebieten sogar mehr als 70% der Bevölkerung ausmacht.

Russians in Kazakhstan

Source: Wikipedia

In solchen Städten wie Qostanai, ist Russisch die Hauptsprache und das Orthodoxe Christentum die dominante Religion. In vielen Ländern ist die russische Kultur „das Objekt der Bedrängnis und Verfolgung geworden“, so meint Walentina Matwijenko, Vorsitzende des Föderationsrats des russischen Parlaments.5)Matvienko: I Can’t Bear To See Russians Facing Harassment Abroad, Charter 97 2016-06-06 Man denke nur, was passieren könnte, wenn die Macht Kasachstans an eine neue prowestliche oder protürkische Regierung ginge (Kasachisch ist eine türkische Sprache und die beiden Länder verbinden tiefe Beziehungen). Postsowjetische Grenzen halten nicht ewig.

3. Das Globalspiel über den Köpfen der Kasachen
Seit dem 18. Jh. war Kasachstan ein Gebiet, das sich unter der Herrschaft Russlands befand, jetzt aber ist es das nicht mehr. 1999 betrug der kasachische Export nach Russland 20% aller Exporte.6)Kazakhstan – International trade, Nations Encyclopedia 2016 Während Russland weiterhin die größte Importquelle ist, ist China der hauptsächliche Exportpartner geworden und hat zusätzlich Russland beim Gesamthandel mit den Kasachen übertroffen.7)Eurasian integration: Caught between Russia and China, ECFR 2016-06-07

Trotzdem wird der größte Austausch von Handelswaren zusammen mit der Europäischen Union durchgeführt, auch wenn Kasachstan zur Eurasischen Wirtschaftsunion gehört, welche von Russland gegründet wurde. Jedoch ist Zentralasien dabei die chinesische Einflusszone zu werden, denn die Regierung des Xi Jinping hat viel zu bieten. Die „One Belt, One Road” Initiative ist viel attraktiver, sowohl in Bezug auf das Wirtschaftswachstum und die geopolitische Bedeutung.

Silk Route

Source: Seat61

Darüber hinaus ist Kasachstan offen für die Zusammenarbeit mit NATO, Russlands größtem Widersacher. Nasarbajews Nation ist seit 1994 Teilnehmer an NATOs PARP (Planning and Review Process). In der Zeitschrift The Astana Times kann man herauslesen, dass „das Land seine strategische Partnerschaft mit NATO als eine Möglichkeit sieht mit den internationalen Sicherheitssystemen zu integrieren, um die nationale Sicherheit zu stärken, wobei vom enormen militärischen, technischen und wirtschaftlichen Potenzial, welche diese Organisation und ihre Mitglieder besitzen, Gebrauch gemacht wird.”8)Kazakhstan Joins NATO ‘Planning and Review Process’ Discussions, The Astana Times 2016-06-02 Dieselbe Inspiration hat die Ukraine zum Konflikt mit Russland geführt. Kasachstan ist ein Gründungsmitglied der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, was eine politische und militärische Organisation ist, die als Gegnerschaft zu NATO entstanden ist.

4. Öl und Islam
Geopolitisch befindet sich Kasachstan in einer sehr interessanten Position, denn es ist nicht nur die größte Nation Zentralasiens und die schnellste Bahnverbindung über Land von China nach Europa, hat aber ebenfalls riesige Ölreserven im westlichen Teil des Landes. Die Preissenkung vom Rohöl hat die kasachische Wirtschaft stark beeinträchtigt, da der Abbau von Öl am Kaspischen Meer zu den teuersten der Welt gehört. Nichtsdestoweniger planen Chevron und sein Konsortium 37 Bio. Dollar in das Ölfeld Tengiz zu investieren.9)Chevron-led Consortium to Invest Up to $37 Billion in Kazakh Oil Field, The Wall Street Journal 2016-05-25 Ein interessanter Zufall: noch vor der Revolution hat Chevron in die Ukraine investiert, in der Hoffnung auf Einnahmen von Schieferstein durch Fracking, ist aber Mitte 2015 letztendlich vom osteruropäischen Land zurückgetreten. Und wie die Geschichte lehrt, haben die USA keine Beschränkungen, was den Schutz ihrer geschäftlichen Weltinteressen anbetrifft.

Kazakh oil fields

Source: Kazinform 2009

Kasachische Ölfelder sind im westlichen Teil des Landes angelegt. Paradoxerweise ist dies der ärmste Teil der Nation, betrachtet als Brutplatz des radikalen Islams. Der Grund dafür ist, dass das ganze Geld, welches durch das Öl eingenommen wird, nach Astana und Almaty, den beiden größten Städten Kasachstans, geht.10)Why Do So Many Bad Things Happen To Western Kazakhstan? RFERL 2016-06-06 Die Unterschiede in den Einkommen können in den westlichen Städten, wie Aqtöbe, allgemeine Unzufriedenheit hervorrufen, was von den äußeren und inneren Mächten zur Machtergreifung ausgenutzt werden kann. Die religiöse Stimmung kann steigen, vor allem jetzt, wo die muslimische Bevölkerung gewachsen ist und 70% der Gesamtheit ausmacht.
Zusammenfassung:
Kasachstan steht einer großen Anzahl Bedrohungen gegenüber, die die Stabilität des Landes zerstören könnten. Die Unsicherheit bezüglich des Erfolges, der Kampf um die Macht innerer Eliten und äußerer Großmächte, der Zugang zu den Ölfeldern und der Aufstand Islams können die Nation ins Chaos bringen, das dem in der Ukraine ähnlich ist. Doch es gibt Hoffnung. Die chinesische Diplomatie könnte mit einbezogen sein mit ihrem Nachbarland in Frieden zu leben, was die sine qua non Voraussetzung dafür ist die Neue Seidenstraße zu errichten.

References   [ + ]

1. Kazakhstan: Nazarbayev Embraces Color Revolution Paranoia, Eurasia.net 2016-06-08
2. Nazarbayev believes that in the tragedy of Aktobe blame the “color revolution”, The Newspapers 2016-06-09
3. Nazarbayev on the Rocks: ‘Terror,’ ‘Coup’ Claims Shake Kazakhstan, The Moskow Times 2016-06-08
4. Putin Vows to ‘Actively Defend’ Russians Living Abroad, Atlantic Council 2014-07-02
5. Matvienko: I Can’t Bear To See Russians Facing Harassment Abroad, Charter 97 2016-06-06
6. Kazakhstan – International trade, Nations Encyclopedia 2016
7. Eurasian integration: Caught between Russia and China, ECFR 2016-06-07
8. Kazakhstan Joins NATO ‘Planning and Review Process’ Discussions, The Astana Times 2016-06-02
9. Chevron-led Consortium to Invest Up to $37 Billion in Kazakh Oil Field, The Wall Street Journal 2016-05-25
10. Why Do So Many Bad Things Happen To Western Kazakhstan? RFERL 2016-06-06

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

fünfzehn − acht =


Gefira bietet eingehende und umfassende Analysen und wertvollen Einblick in die neuesten Geschehnisse, mit denen die Anleger, Finanzplaner und Politiker vertraut sein müssen, um sich für die Welt von morgen vorzubereiten. Die Texte sind sowohl für Fachleute als auch für nicht berufsorientierte Leser bestimmt.

Jahresabo: 10 Nummer für 225€
Erneuerung: 160€

Das Gefira-Bulletin ist auf ENGLISH, DEUTSCH und SPANISCH erhältlich.

 
Menu
More