Der europäische Blickwinkel. Auf dem Weg in die Welt von Morgen.




Trahison des Clercs, Italiener sollen aufgeben, Italiener zu sein und sich um ihre nationalen Interessen zu kümmern.

1927 prangerte Julien Benda die hemmungslose Jagd nach Realisierung nationaler Interessen als „einen Verrat der Intellektuellen”. Seines Erachtens sollte man sich nach universellen Werten richten. Neunzig Jahre später hat sich die Situation ins Gegenteil verkehrt. Die westlichen Intellektuellen schmiegten sich der neuen Religion, der Globalisierung, an und verwarfen völlig ihre eigenen nationalen Gemeinschaften. Ihnen ist es egal, ob dadurch die Arbeiterklasse leidet, ob dadurch die Mittelschicht schrumpft – das Einzige, was zählt, ist es, dass die Globalisierung zum globalen Wirtschaftswachstum beiträgt und dass die ganze Welt besser wird. Wenn die westlichen Intellektuellen aber im globalen Finanzkasino verlieren, und das Kasino selbst pleitegeht, dann erwartet man, dass eben der durchschnittliche westliche Bürger auf eigene Kosten „die Welt rettet”. Es gibt einen Aufschrei der Empörung, wenn Donald Trump die amerikanische Industrie in seine Obhut nehmen will, statt „die Welt (vor dem Klimawandel) zu retten”. Gefallen den Menschen im Westen die Terroranschläge nicht? Das spricht gegen sie: die Investitionen der Golfstaaten, von Saudi Arabien und Katar, die den Wahabismus oder die muslimische Bruderschaft sponsern, sind wichtiger als das Leben einiger Bürger der westlichen Länder. Priorität wird auf den Bau von Moscheen und Kulturzentren gelegt. Gesorgt wird dafür, dass niemand Muslime beleidigt, wenn einer von ihnen einen Mord in einem westlichen Land begeht. Es sind die niedrigeren Klassen der westlichen Gesellschaften, die alle Probleme, die aus der Globalisierung resultieren, auf sich nehmen müssen; jammert jemand darüber, dann wird das als ein Anzeichen der Unaufgeklärtheit und Rückständigkeit angesehen, das bezeugt, dass Menschen, die solche Empfindungen zum Ausdruck bringen, die Herrlichkeit des Universalismus nicht zu schätzen wissen.

Die Zukunft der Europäischen Union: von „geeinigt in Mannigfaltigkeit” bis zur „Zerstörung der europäischen Mannigfaltigkeit”.

Artikel 2, Paragraf 3 des Vertrages von Lissabon lautet: „Die Europäische Union wahrt den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas.” Diese Verpflichtung gehört zur Vergangenheit. Vom Sieg Macrons in Frankreich beflügelt, brauchen die Intellektuellen-Globalisten einen Sündenbock, auf die Schuld fürs Scheitern der ganzen Unternehmung abgewälzt werden kann. Wenn die Schuld nicht mehr dem Fremdenhass oder der angeblichen Bedrohung von Russland (beides eine alte Nummer) zugewiesen werden kann, dann wird die nationale Identität für den Misserfolg beschuldigt. Im neuesten Artikel, der in Voxeu (dem Portal des Zentrums für Forschung der Wirtschaftspolitik) erschien, deuten italienische Wissenschaftler Alesina, Trebbi und Tabellini den „Nationalismus” als ein Hindernis auf dem Weg zur „europäischen Integration”,1)Europe as an optimal political area: New findings, CEPR 2017-06-02.umso mehr, dass die Menschen sich mit ihren nationalen Gemeinschaften aufgrund der selben Geschichte, Sprache und Tradition identifizieren. Fazit: sie müssen weg.

Als ein besonders wirksames Mittel zur Abschwächung der kulturellen Identität der einzelnen europäischen Nationen und damit auch ihrer Loyalität gegenüber der eigenen Gemeinschaft nennen die Autoren des Artikels die Bildung. Ihrer Meinung nach sollen sich die Politiker nicht verpflichtet fühlen, die nationalen Interessen auf der europäischen Ebene zu verteidigen: auch wenn der Euro den südeuropäischen Wirtschaften schadet, gibt es keinen Grund zur Sorge: man soll die Einheit bewahren, auch wenn die Südeuropäer dadurch verarmen oder arbeitslos werden. Wenn die wollen, dass ihnen besser geht, sollen sie vergessen, wer sie sind, nach Deutschland umziehen und ihre Länder an den Nagel hängen. So handeln die Intellektuellen-Globalisten: wer hätte sich Sorgen wegen Napoleon gemacht, solange man einen Job in Brüssel hat?

Wenn die Europäische Union die Integration nach dem amerikanischen Vorbild gestalten sollte, sollten sich Europäer dessen bewusst sein, was als Nächstes kommt. Ein Blick auf die Wahlen in den USA im letzten Jahr enthüllt auf einer Seite die liberalen Eliten an beiden Küsten, auf der anderen Seite die zentral gelegenen Staaten, die von normalen Menschen bewohnt sind, die ihrem Schicksal überlassen, vergessen und anschließend abgekanzelt wurden, als diejenigen, die das System nicht hochzuschätzen wissen. Sie werden als ein unlösbares Problem auf dem Weg zur Globalisierung angesehen. Wollen wir nach diesem Vorbild „das vereinte Europa” aufbauen? Soll das Vorbild die Gruppe der sich isolierenden Bürokraten, Politiker und intellektuellen Hochstapler sein, die völlig wirklichkeitsfremd, fern von Problemen normaler Menschen leben? Hauptsache: wenn die Akademiemitglieder nicht loyal gegenüber ihren eigenen nationalen Gemeinschaften sind, ja sogar die Loyalität ausrotten wollen, sollen sie die Bürger immer noch als Ansprechpartner für ihre Problem betrachten?

References   [ + ]

1. Europe as an optimal political area: New findings, CEPR 2017-06-02.

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