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Die fünf postsowjetischen zentralasiatischen Republiken – Kasachstan (19 Millionen Einwohner), Kirgisistan (6), Tadschikistan (8,5), Usbekistan (30) und Turkmenistan (5) – bilden eine gemeinsame Fläche von fast 4 Millionen Quadratkilometern (um etwa eine Million mehr als die Fläche Indiens oder Argentiniens), wobei ihre Gesamtbevölkerung 68 Millionen (vergleichbar mit der von Frankreich oder Großbritannien) beträgt, und sind ein sehr wichtiger Punkt auf dem Globus, der zwischen Russland, China, Pakistan, Afghanistan und dem Iran liegt. Im 19. Jahrhundert waren es Russen und Briten, die in das Gebiet eindrangen und dort um die Vorherrschaft wetteiferten: die ersteren aus dem Nordwesten, die letzteren aus dem Südosten. Ihre Rivalität erhielt den Namen des Großen Spiels. Die fünf Länder waren eine Art Kolonie des Russischen Reiches, obwohl sie – aufgrund der territorialen Nähe – in das Russische Reich integriert waren. Die indigenen Bevölkerungen – konfessionell, sprachlich und rassisch völlig fremd gegenüber den europäischen, orthodoxen Russen – bereiteten gelegentlich Probleme, die sich zweimal in einen offenen Aufstand gegen die russische Herrschaft verwandelten: 1916 und zwischen 1923 und 1924. Beide Versuche wurden niedergeschlagen, was viele Menschenleben kostete und zur massiven Auswanderung führte. Bischkek, kirgisische Hauptstadt, wurde dann in Frunse umbenannt, um den sowjetischen General zu ehren, der die Aufständischen besiegt hatte. Während die Menschen in Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan keine politische Vertretung in der russischen Duma unter den Zaren hatten, genossen sie es während der Zeit der Sowjetunion; zu dieser Zeit erfreuten sie sich auch einer Art Souveränität, wenn auch im Rahmen des kommunistischen Superstaates. In den 1980er Jahren bildeten sie den Brückenkopf für sowjetische Truppen, die in Afghanistan einmarschierten. Die Narben, die die Russen hinterlassen haben, haben sich in der Tat nicht geheilt: sie wurden nur eine Zeit lang gelindert. Als die Sowjetunion zusammenbrach, erklärten die fünf Republiken ihre Unabhängigkeit und begannen, sich den Vereinigten Staaten zuzuwenden.


Zentralasien, Quelle: Wikipedia.

Derzeit sind die fünf zentralasiatischen Staaten im Visier so mächtigen Akteure wie Russland, China und USA. Auch die Türkei spielt aufgrund der Gemeinsamkeit der Religion und der ethnischen Beziehung (beachten Sie die Ähnlichkeit der Bezeichnungen Türkei und Turkmenistan) eine gewisse Rolle in der Region. Die Bewohner dieses Gebiets suchen Arbeit in Russland oder lassen sich rekrutieren, um in Syrien gegen Baschar al-Assad zu kämpfen, der von Russland unterstützt wird. Das kollektive historische Bewusstsein ist voll von bitteren Erinnerungen an Russen, die gegen die Vorfahren der heutigen Bewohner der Region kämpften, und an die Russen, die vor vier Jahrzehnten ihre Glaubensbrüder in Afghanistan bekämpften. Das ist etwas, was Washington geschickt auszunutzen versucht.

Zu diesem Zweck haben die Vereinigten Staaten die politische Initiative C5+1 ins Leben gerufen, die die Anstrengungen der fünf Länder und der Vereinigten Staaten vereint, dem Terrorismus haltzumachen, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und die Menschenrechte in der Region zu fördern, wie es in den offiziellen Dokumenten und Erklärungen heißt.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Washington hierbei die bewährte Strategie verfolgt, die fünf Staaten durch finanzielle und wirtschaftliche Anforderungen zu unterwerfen, da Menschenrechte durchzusetzen und die Bildungssysteme der Länder zu gestalten. Wie auch an anderen Orten in der Welt wurden die fünf Regierungen ermutigt und auf eine sanfte Weise gezwungen,
[1] Reformen durchzuführen, die ausländische (sprich amerikanische) Unternehmen anziehen würden,
[2] Regierungen ihren Bürgern gegenüber rechenschaftspflichtig zu machen (was bedeutet: Die von den Amerikanern unterstützte internationale oder Nichtregierungsorganisationen, die ständig auf der Suche nach Menschenrechtsverletzungen sind) und
[3] die Primar-, Sekundar- und Tertiärbildung so zu verändern, damit kritisches Denken gefördert wird (sprich: Akzeptanz amerikanischer Ideologie).
Die Verbindungen zu Uncle Sam werden durch gelegentliche gemeinsame Militärübungen gestärkt.

Die fünf Länder der Region haben Darlehen erhalten, während viele ihrer jüngeren Einwohner in die Vereinigten Staaten eingeladen wurden, um dort zu studieren und die amerikanische Lebensweise zu lernen. In Bischkek, Kirgisistan, ist die American University of Central Asia tätig, wo junge leicht beeinflussbare Köpfe nach dem Muster und Gefallen der Manager der Welt gestaltet werden.

Der chinesischen Initiative der Neuen Seidenstraße wird durch die Förderung des Lapis-Lazuli-Korridors entgegengewirkt. In seinen offiziellen Dokumenten unterstreicht Washington seine Entschlossenheit, den fünf Staaten dabei zu helfen, ihre Unabhängigkeit von externen Akteuren zu wahren. Man kann leicht erahnen, dass damit Russland und China gemeint sind. Die Unabhängigkeit von Moskau und Peking wird durch ihre Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten ersetzt. Russischkenntnisse, die Menschen in der Region – vor allem in Kasachstan – immer noch oft haben, werden stufenweise durch Englischkenntnisse verdrängt. Usbekistan, Turkmenistan, und zuletzt Kasachstan, haben alle kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion von der kyrillischen in die lateinische Schrift gewechselt.


Lapis-Lazuli-Korridor. Quelle: Wikipedia.

Die Region ist nicht frei vom russischen Einfluss. Das berühmte Baikonur, ein großes Gebiet, aus dem russische Raumfahrzeuge in den Orbit gestartet werden, wird immer noch von der Russischen Föderation gemietet. Kasachstan war von 1949 bis 1989 auch Gastgeber des Atomtestgeländes Semipalatinsk. Abgesehen von Turkmenistan gehören die übrigen vier Nationen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) an, einer Art lockerer wirtschaftlicher und politischer Verlängerung der ehemaligen Sowjetunion. Kasachstan und Kirgisistan sind Mitglieder der Eurasischen Wirtschaftsunion, die 2014 gegründet wurde und in der Russland der größte Partner ist; Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan gehören der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ, auch bekannt als Shanghai-Pakt) an, die 2002 gegründet wurde und in der Russland und China die wichtigsten Mitgliedsstaaten sind. Alle Länder Zentralasiens (Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Afghanistan, Pakistan) sowie Iran, Aserbaidschan und Türkei bilden ebenfalls die 1985 gegründete Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECO). Kann die C5+1 den gemeinsamen Einfluss von GUS, SOZ und ECO ausgleichen? Die letzte der drei internationalen Organisationen steht unter starkem türkischen Einfluss.

Der Nachfolger des Osmanischen Reiches hat viel in Kasachstan investiert und enge Beziehungen zu Turkmenistan unterhalten, einer Nation, die mit Türken verwandt ist. Ankara holt nun intensiver auch Arbeiter aus den fünf zentralasiatischen Staaten, die sich in Russland und unter den Russen, ihren traditionellen Arbeitgebern, wegen gegenseitigen Misstrauens nicht besonders willkommen fühlen. In Ankara sitzt auch der Kooperationsrat der türkischsprachigen Staaten (der sogenannte Türkischer Rat), der 2006 auf Initiative des kasachischen Präsidenten gebildet wurde und dem die Türkei, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan (und in Zukunft auch Turkmenistan) angehören. Chinesische Uiguren fliehen immer wieder zu ihren Glaubensgenossen in der Region.

Die autokratischen Herrscher der postsowjetischen Republiken scheinen von allen Mächten zu profitieren und sie gegeneinander auszuspielen. Diese Mächte müssen vorsichtig vorgehen, um ihren politischen Einfluss aufrechtzuerhalten.

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