Der europäische Blickwinkel. Auf dem Weg in die Welt von Morgen.




China wird Euroasien regieren

Jeder Staat versucht möglichst viele Gewinne zu erwirtschaften. Die kommen zum größten Teil aus Steuern, die Zölle bleiben nach wie vor auch eine wichtige Einnahmequelle. Die den neoliberalen US-Eliten dienende Obama-Regierung schmiedete einen Plan zur Umzingelung Chinas im Asien-Pazifik-Raum namens TPP. Die Transpazifische Partnerschaft sollte China dazu bringen, seinen Markt völlig zu öffnen, auf Zölle zu verzichten und sein Recht an das amerikanische anzupassen. TPP wurde von vielen seinen Kritikern, merkwürdigerweise vor allem in Europa und in den USA, und nicht in China, angeprangert. Am bekanntesten ist wohl die Aussage von Julian Assange: „Sollte der Vertrag angenommen werden, wird das Marken-Regime der TPP auf Menschen- und Bürgerrechten herumtrampeln“1)Wikileaks veröffentlicht geheim Protokolle, Gulli.com 2013-11-13.TPP wurde nämlich dazu erschaffen, den US-Konzernen Vorsprung in Asien zu gewährleisten, indem die Souveränität, der daran teilnehmenden Länder begrenzt würde. Trump erkannte, dass Demokraten mit dem Projekt sich auf sehr dünnem Eis bewegten, kündigte den Vertrag und begann seinen Handelskrieg mit… Zöllen, was dem US-Budget beträchtliche Gewinne brachte. Beide Regierungen – Obamas und Trumps – realisierten und realisieren mit verschiedenen Mitteln jedoch dieselbe Strategie: Amerika muss Supermacht Chinas entgegenwirken. Die Strategie scheitert.

Chinas Plan der Neuen Seidenstraße widersetzt sich den amerikanischen Versuchen, die Rolle Pekings im Welthandel zu verringern. TPP funktioniert auch ohne USA und China ist von den daran teilnehmenden Ländern im Pazifik umzingelt. Japan, Vietnam, Brunei, Malaysia, Singapur bilden einen Halbkreis um das Südchinesische Meer, das im Handel mit dem Rest der Welt für China eine Schlüsselrolle spielt. Deswegen entschlossen sich Chinesen den Handel auf Schiene zu verlegen. Ein kühnes, riesiges und riskantes Projekt. Schauen wir uns es genauer an.

Der Hauptunterschied zwischen der Neuen Seidenstraße und TPP beruht darin, dass sie die anzubindenden Länder Asiens und Europas nicht zwingt, ihre Politik und Gesetze zu ändern. Die im Rahmen des großen chinesischen Projekts entstehenden Straßen und Zugstrecken werden nicht nur für China, sondern auch für die Länder von Vorteil sein, in denen sie verlaufen werden. Allerdings können sich hier die Chinesen derselben Methode bedienen, die westliche Länder überall in unterentwickelten Ländern anwenden, und die Länder von sich durch Kreditvergabe und Abhängigkeit von den chinesischen Unternehmen (z.B. von denen, die neue Infrastruktur warten werden) abhängig machen. Einerseits wird das Wachstum der Länder an der Neuen Seidenstraße angekurbelt, andererseits können sie leicht in die Schuldenfalle Pekings geraten. So übernahm Peking schon übrigens einen großen Hafen in Sri Lanka2)Sri Lankas Schmerz mit der Seidenstraße, DVZ 2019-01-08.und kauft sich langsam Pakistan.3)China treibt Wirtschaftskorridor durch Pakistan voran, DW 2017-06-05.

TPP zwingt die Länder, die Rolle des staatlichen Sektors und des Staates in der Wirtschaft zu begrenzen, die Initiative der Neuen Seidenstraße ganz Gegenteil: Sie respektiert die autoritären Regierungen Zentralasiens und konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit staatlichen Unternehmen. Darüber hinaus liegt der Schwerpunkt der TPP in Bereichen Landwirtschaft, Urheberrechte, Umweltschutz und High-Tech-Industrie, in den Bereichen also wo die USA führend sind und in denen sie ihr Knowhow gerne fürs entsprechende Entgelt und ohne Zölle exportieren würden. Die Neue Seidenstraße konzentriert sich hingegen darauf, was den unterentwickelten Ländern Asiens am meisten mangelt: Auf Infrastruktur und Bildung eines großen Energieversorgungsnetzes, das ewigen Blackouts vorbeugen (siehe das erwähnte Beispiel Pakistans, wo Chinesen Kohlenkraftwerke bauen werden) und Industrieentwicklung ankurbeln könnte.

Großbritannien, die Niederlande, Spanien, Frankreich, Portugal und später auch die USA haben ihre Macht mittels Seehandel aufgebaut. Vor drei, zweihundert Jahren in der Agrar-Ära und später in der frühen Industrieära spielte es keine Rolle, ob man auf eine Ware einen oder zwei Monate warten musste. Heutzutage erhöhte der immer schnellere Informationsfluss das Bedürfnis nach schnellem Transport. In der IT-Ära wollen wir alles sofort haben. Der Seehandel wurde für die Konsumgesellschaft zu langsam. Die Tage der Luftfracht sind angesichts der Klimaziele der westlichen Regierungen auch gezählt. Die Regierungen Westeuropas werden Anbindung an das chinesische Schnellzugnetz auch wegen der grünen Agenda begrüßen müssen.

Im Rahmen der Neuen Seidenstraße plant Peking drei Hauptzugstrecken:
1. Aus der Mandschurei über Russland, Weißrussland, Polen nach Westeuropa.
2. Aus Xinjiang im Nordwesten Chinas über die zentralasiatischen Länder, den Iran, die Türkei nach Europa.
3. Aus der chinesischen Stadt Kunming direkt nach Singapur.

Mit einer Laufzeit von durchschnittlich 16-20 Tagen ist heutzutage die Bahn zwischen China und Europa um 15-20 Tage schneller als die Seefracht. Es gibt sogar Verbindungen zwischen China und Deutschland, die noch schneller sind (bspw. 11 Tage). Am schnellsten läuft es natürlich über den Luftweg, jedoch sind die Volumen und das Gewicht dort stark begrenzt, damit die Fracht nicht zu teuer wird. Daher ist bei der Bahnfracht von einem durchschnittlichen Kostenvorteil von mindestens 80 Prozent gegenüber der Luftfracht auszugehen.

Peking plant aber den Bau eines Netzes von superschnellen Zügen, mit dem Ziel Shenzen aus Westeuropa innerhalb von 48 erreichen zu können. Der chinesische Finanzexperte und Bestsellerautor Song Hongbing berechnete 2015 in seinem Buch „Currency Wars 5“, dass die drei erwähnten Zugstrecken von Gesamtlänge über 30 000 km etwa 650 Mrd. Dollar kosten würden. Außer der möglichen Unrentabilität der ganzen Unternehmung gibt es noch weitere Risiken:
1. Technische Probleme. China hat große Erfahrung im Bau Schnellpersonenzüge, um aber konkurrenzfähig gegenüber dem Seetransport zu werden, müssten Züge gebaut werden, die große Lasten blitzschnell durch verschiedene Klimazonen transportieren könnten.
2. Sicherheit der Infrastruktur in vielen Regionen Asiens. In Pakistan z.B. reicht die Macht der Regierung nicht in alle Ecken des Landes.
3. Unterschiedliche Gleisbreite in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und in Europa ist nicht ein technisches Hindernis, das sich leicht beheben lässt. Es ist eine Art militärischen Schutzes. Umladungen kosten Zeit und Geld.
4. Nicht vereinheitlichte Zollabfertigung, Frachtbriefe, Kommunikationssysteme.
5. Währung. Werden alle Länder bereit sein, den Handel via die Neue Seidenstraße im Yuan abrechnen?
6. Stromversorgung. Parallel zum Schienennetz müsste für die energiefressenden Schnellzüge genug Strom bereitgestellt werden.
 
Wir sind der Meinung, dass die Neue Seidenstraße trotz all diesen möglichen Problemen gebaut und betrieben wird. Argumente dafür liefern Geschichte und Politik. Erinnern Sie sich an den Marshall-Plan. Der schien für Amerika ungünstig zu sein, kostete das US-Budget wahnsinnig viel Geld und zwar jahrelang. Er zwang aber die westeuropäischen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg den Dollar im Handel zu verwenden. Die Dollarisierung Europas (es ging auch um Ankauf der US-Staatsanleihen) dauerte sehr lange, bis zum Jahr 2000, bis zur Einführung des Euro. Nun kann China Euroasien „yuaniesieren“, um seine Position als eine Supermacht zu festigen. Die Überflutung der Welt mit dem Yuan wird sicherlich Dividenden bringen. Ein durch ein gemeinsames Energie- und Schienensystem vereintes Euroasien mit dem Yuan als Leitwährung ist ein Albtraum für Washington. Amerika wäre ja dann nun wie eine Insel am Rande des größten Kontinents, wo die meisten Menschen der Welt leben.

References   [ + ]

1. Wikileaks veröffentlicht geheim Protokolle, Gulli.com 2013-11-13.
2. Sri Lankas Schmerz mit der Seidenstraße, DVZ 2019-01-08.
3. China treibt Wirtschaftskorridor durch Pakistan voran, DW 2017-06-05.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

16 − 9 =


Gefira bietet eingehende und umfassende Analysen und wertvollen Einblick in die neuesten Geschehnisse, mit denen die Anleger, Finanzplaner und Politiker vertraut sein müssen, um sich für die Welt von morgen vorzubereiten. Die Texte sind sowohl für Fachleute als auch für nicht berufsorientierte Leser bestimmt.

Jahresabo: 10 Nummer für 225€
Erneuerung: 160€

Das Gefira-Bulletin ist auf ENGLISH, DEUTSCH und SPANISCH erhältlich.

 
Menu
More