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Erdgas

Im östlichen Mittelmeer riecht es nach Pulver. Über dem Levantinischen Becken fliegen Kampfjets verschiedener Länder und Fregatten fahren auf Kollisionskurs. Es sind keine Übungen. Es ist eine Krise, die an die Auseinandersetzung zwischen Ankara und Athen aus den 1970er erinnern lässt oder sogar an den Anfang des ersten Weltkrieges. Diesmal geht es aber nicht nur um Ambitionen Griechenlands oder der Türkei, um kleine Inseln oder um einen toten Prinzen, sondern um den Energiekampf. Im Levantinischen Becken werden immer größere Erdgasvorkommen entdeckt und es gibt viele, die ein Stück von der Torte gerne hätten.

Schon 2010 entdeckte amerikanisches Unternehmen Noble Energy mit ihrem israelischen Partner für Explorationsarbeiten Derrick Drilling das größte Gasfeld nur 130 km von Haifa entfernt. Ein Jahr später bestätigte französisches Total ein anderes Vorkommen im Volumen von 127 Mrd. m3. Die Forscher vermuten insgesamt 3,5 Billionen Kubikmeter Erdgas und 1,7 Milliarden Barrel Erdöl tief im Gestein unter dem Meeresboden. Wie viel ist das eigentlich? Sicherlich viel genug, um die Kassen der Anrainerstaaten zu füllen und einen soliden Beitrag zur Energieversorgung Westeuropas zu leisten. Zum Vergleich: Der gesamte Erdgasverbrauch in der europäischen Union betrug 2019 rund 470 Mrd. Kubikmeter. Kein Wunder also, dass die Gebiete zwischen Zypern, der Türkei, griechischen Inseln, Syrien, dem Libanon, Israel, Ägypten und Libyen zum Schauplatz einer Auseinandersetzung wurden, die sich gut möglich in einen Krieg verwandeln kann. Es wäre kein lokaler Krieg, denn am Konflikt und an möglichen Gewinnen sind auch andere Akteure beteiligt, deren Interessen durch das Gas aus dem östlichen Mittelmeer gestört werden könnten, obwohl ihre geopolitischen Interessen anscheinend woanders liegen.


Die Erdgasallianzen im östlichen Mittelmeer – wer mit wem gegen wen?


Es ist bemerkenswert, dass die Entdeckung der großen Gasvorkommen im Mittelmeer sich zeitlich mit dem arabischen Frühling überlappte, der viele Projekte zur Versorgung Europas mit Energie aus Nordafrika lahmlegte, wie z.B. Desertec – ein Vorhaben in Sahara Strom aus Photovoltaik zu produzieren und mittels Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsnetzen nach Europa zu transportieren. Auch Erdgas aus dem Levantinischen Becken könnte kostengünstig entlang der Nordküste Afrikas mittels Pipeline Richtung Spanien transportiert werden, Wirtschaft in Libyen, Algerien, Tunesien und Marokko ankurbeln und Energieversorgung Westeuropas diversifizieren. Nun wünschte sich das wohl jemand nicht und provozierte den arabischen Frühling. Man setzte also auf eine alternative Idee: eine Pipeline auf dem Mittelmeeresgrund bauen zu lassen.

Das Projekt Eastmed lag jedoch jahrelang in den Schubladen in Brüssel. Der wichtigste Grund dafür sollten technische Schwierigkeiten gewesen sein. Die 1900 km lange Pipeline würde an manchen Stellen auf der 3 Km Tiefe durch erdbebengefährdete Gebiete verlaufen. In der Tat setzte die EU bis zum Anschluss der Krim an Russland und bis zum Hybridkrieg in der Ukraine auf das russische Erdgas, die Länder Südeuropas sollten via South Stream versorgt werden. Nach der Krimkrise blockierten jedoch die EU und Senator McCain den Bau der Pipeline in Bulgarien.


Varianten des South Streams

Eastmed wurde zusammen mit TANAP und TAP – Transanatolischen und Transadriatischen Pipelines –, mit denen Erdgas aus Aserbaidschan über die Türkei in die EU kommen soll, zur einzigen

Es ist also klar, warum die Türkei sich die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer unter den Nagel reißen will. Zusammen mit Russland könnte sie die Versorgung Europas kontrollieren. Und der Bau von Nord Stream 2 ist in diesem Zusammenhang auch eine klare Antwort Russlands auf Eastmed.

2019 entdeckten das italienische Eni und das französische Total weitere Erdgasvorkommen im levantinischen Becken. Über ihre Explorationsarbeiten waren türkische Zyprioten, die diese Vorkommen beanspruchen, empört. Erdoğan schickte seine Kriegsschiffe, um Franzosen und Italiener weitere Arbeiten unmöglich zu machen. Als später Griechenland, Zypern und Israel ein Abkommen über den Bau der Pipeline schlossen, unterschrieb der türkische Präsident im Gegenzug mit Libyen ein Abkommen über Seegrenzen und sagte dabei: „”Ohne Genehmigung beider Staaten dürfen in dieser Seezone keinerlei Forschungsschiffe arbeiten und Bohrungen vorgenommen werden. Das ist völkerrechtlich nicht mehr möglich.” So blockierte er den Bau der Pipeline. Griechenland und die EU wurden ausgetrickst. Insofern Erdoğans Politik zur Blockade des Baus von Eastmed, an das sich auch Israel anschließen könnte, den Russen in die Hände spielte, ist das militärische Engagement der Türkei in Libyen auf der Seite der dortigen Regierung eine Provokation gegenüber Putin, dessen Soldaten den gegen Tripoli kämpfenden General Haftar unterstützen.

Für Erdoğan war ein Ereignis ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: im August dieses Jahres unterschrieb Griechenland ein ähnliches Abkommen mit Ägypten wie er mit Libyen, wodurch eine weitere ausschließliche Wirtschaftszone entstand. Ankara schickte darauf sein Forschungsschiff „Oruc Reis“, um in dem mit Tripolis vereinbarten Gebiet nach Erdgas zu suchen. Da laut Athen dieses Gebiet zu seinen Hoheitsgewässern gehört, schickte es seine Marine hin.

Der Konflikt wurde hochgeschaukelt. Neben Macrons Fregatte „Lafayette“ und seinen Kampfjets, die aus Kreta starten, fliegen in der Koalition gegen Erdoğan auch die Kampfjets der Vereinigten Arabischen Emirate, die mit der Türkei ein Hühnchen zu rupfen haben – die Muslimbrüder. Die Türkei unterstützt die Muslimbrüder, während Ägypten, VAE und Saudi-Arabien sie als eine Bedrohung betrachten. Der Kampf um die Form des Islams wird also in den Erdgaskonflikt im Mittelmeer projiziert. Kommt es zur Eskalation, können sich da auch sunnitische Länder mit ihren verschiedenen Interessen militärisch einmischen. Nicht zu vergessen ist dabei Katar, der als der größte Sponsor der Muslimbrüder gilt, auf der Seite der Türkei kämpfen würde. Da die Hamas ein Ableger der Muslimbrüder ist, könnte der türkische Präsident den Konflikt nutzen, um einen wichtigen Teil der arabischen Welt unter der Fahne des neuen Sultans aus Ankara zu vereinigen.

So wie die VAE angeblich nichts im Mittelmeer zu suchen haben, scheint auch der Fall Nawalny mit dem Erdgaskonflikt nichts zu tun haben. Merken Sie es aber, dass seine Vergiftung dazu genutzt wurde, was Amerikanern in die Hände spielt: Nordstream-2-Bau noch heftiger in Deutschland zu kritisieren und zu blockieren. Washington ist ja daran interessiert, den Europäern sein teures LNG-Gas zu verkaufen. War seine Vergiftung also eine Nebelaktion der amerikanischen oder türkischen Geheimdienste, oder der beiden gemeinsam?

Eines ist sicher. Erdgas ist für Europa total wichtig und der Konflikt im östlichen Mittelmeer wird die ganze Geopolitik beeinflussen.

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