Der europäische Blickwinkel. Auf dem Weg in die Welt von Morgen.




Johannes 18:38

Er war ein berühmter Vertreter einer hoch entwickelten Zivilisation, einer Zivilisation, die eine Reihe von Kulturen verschluckt und verinnerlicht hatte. Er war der Vertreter eines multikulturellen Staates, der Tausende von Ausländern aufnahm und ihnen die Staatsbürgerschaft verlieh. Er war in die philosophischen und literarischen Strömungen seiner Zeit eingetaucht, er hatte viel Wissen über die physische Welt und die sozialen Institutionen. Dennoch war er nicht in der Lage, gegenüber einem Verurteilten aus einem der entlegensten Winkel des Reiches eine Definition des Begriffs Wahrheit zu formulieren. Er ging nicht nur als derjenige in die Geschichte ein, der seine Hände wusch, um zu versuchen, sich von Schuld und Verantwortung freizusprechen, sondern auch, weil er die (törichte) Frage stellte: Was ist Wahrheit.

Der Verurteilte, der vor ihm stand, hat diese Frage nicht beantwortet. Warum eigentlich? Weil es keinen Zweck hatte. Versuchen Sie dem modernen post-westlichen Intellektuellen zu sagen, was Wahrheit ist, und er wird Sie lächerlich machen und alle Fakten, Daten und deren Interpretation, Argumentation und – ja – den gesunden Menschenverstand in Frage stellen. Er wird keinen Stein in Ihrer Argumentation auf dem anderen lassen. Sie werden von ihm lernen, dass es keine Wahrheit gibt, oder dass wir alle unsere eigenen Wahrheiten haben, oder dass alles relativ und veränderbar ist, und dass der Anspruch auf den Besitz der Wahrheit einer intellektuellen Diktatur gleichkommt, die geradewegs in den – ja, Sie es haben richtig geraten – Faschismus führt.
Deshalb hat der Verurteilte auch nicht versucht, sich auf ein Gespräch darüber einzulassen, was Wahrheit ist, denn niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will. Pilatus, dieser erlauchte Vertreter der hochentwickelten Zivilisation, einer Zivilisation, die eine Reihe von Kulturen verschlungen und verinnerlicht hatte, ein Literat, der über alles und jedes Bescheid wusste, blieb mit seiner Frage für alle Ewigkeit. Die Anhänger des Verurteilten, die größtenteils ungebildeten Dummköpfe, die ihren Lebensunterhalt mit einfachem Gewerbe verdienten und irgendwo zwischen dem Mittelmeer und dem Toten Meer lebten, wussten, was Wahrheit ist, sie wussten es in einem solchen Maße, dass sie bereit waren, ihr Leben dafür zu widmen, und so haben ihre geistigen Erben langsam aber sicher das Römische Reich untergraben und den Untergang der Welt derer herbeigeführt, die nicht wussten, was Wahrheit ist. So einfach ist es wirklich.

Spieltheorie, könnte man sagen. Der eine Spieler sieht keinen Sinn darin, das Spiel zu spielen und gewinnen zu wollen, hat Gewissensbisse, seinen Gegner zu besiegen, ihn zu demütigen, und verzichtet deshalb auf das Spiel oder spielt es nur halbherzig; der andere Spieler aber will spielen, ist heiß auf den Kampf mit Zähnen und Klauen, setzt alles daran, einen Sieg zu erringen. Was meinen Sie, wer wird sich durchsetzen?

Die Europäer von heute sind wie der erste Spieler. Sie glauben nicht an ihre Überlegenheit oder zumindest an ihre Ausnahmestellung. Folglich verteidigen sie weder ihre Grenzen noch ihre eigenen Gesetze, wenn diese von Einwanderern verletzt werden, denn die Europäer wissen nicht, was Wahrheit ist. Alles, jeder Glaube, jede Ideologie (mit wenigen Ausnahmen), jeder Brauch (wiederum mit wenigen Ausnahmen) ist gleich gut, warum also sich gegen fremde Einflüsse wehren, warum sich widersetzen, warum kämpfen?

Das Ergebnis einer solchen geistigen Haltung ist zu erwarten. Ein europäischer Kommissar hat vor kurzem die Idee gehabt, eine Sprache einzuführen, in der alle Wörter fehlen, die für Nichteuropäer beleidigend sein könnten – was auch immer das heißen mag –, Wörter wie Weihnachten, meine Herren und Damen und der Eigenname Maria. Die Kathedrale Notre-Dame wird so umgebaut, dass sie ihren christlichen Charakter verliert und stattdessen mit Verweisen auf andere Kulturen und Philosophien angereichert wird. Denkmäler, die den Helden der Vergangenheit gewidmet sind, werden umgestürzt oder mit Farbe und Graffiti beschmiert. Filmproduzenten – und insbesondere die BBC – drehen eifrig Filme, in denen unverhältnismäßig viele schwarze Schauspieler auftreten, auch in Geschichten über Zeiten und Orte, in denen es keine Schwarzen gab. Das Gleiche gilt für die Werbung.

Die Frage “Was ist Wahrheit?” führt schnell zu der Antwort, dass es keine Wahrheit gibt, und wenn es keine Wahrheit gibt, dann kann die Wahrheit so konstruiert werden, dass sie den Zwecken oder Wünschen von jemandem entspricht. Daher kommen solche pseudowissenschaftlichen Begriffe wie “Rasse als soziales Konstrukt”, “biologisches Geschlecht als soziales Konstrukt”, die angebliche Existenz einer ständig wachsenden Zahl von biologischen Geschlechtern oder – nach modernem Sprachgebrauch – Gendern und so weiter und so fort. Es gibt keine Wahrheit, oder die Wahrheit ist das, was ich mir wünsche, und deshalb müssen die Beweise Ihrer Sinne nicht gelten. Offensichtlich täuschen dich deine Sinne die ganze Zeit, weißt du das nicht?

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