Der europäische Blickwinkel. Auf dem Weg in die Welt von Morgen.




Die Stärke zieht nach Osten

Anfang September beginnt traditionell in Europa das Schuljahr. Es ist für uns alle eine Gelegenheit, sich imaginär wieder in die Schulbank zu versetzen und Weltatlas nachzuschlagen. Manche Fakten, die wir in der Grundschule gelernt und schon längst vergessen haben, können uns in heutiger geopolitisch instabiler Zeit viel helfen. Andere Fakten können uns dagegen komplexe Verbindungen entschlüsseln, die wir aus unserer europäischen Sicht ignoriert haben, die aber im Weltatlas sehr klar zu sehen sind. Heutzutage stehen wir vielen Interessen gegenüber, die durch Propaganda von verschiedenen Subjekten durchgesetzt werden, es seien die Regierungen, Medien oder Korporationen. Einer der größten Feinde einer Propaganda sind Fakten, die einem frei denkenden Bürger Anregungen liefern, um eigene Weltansicht bilden zu können. Ein Lexikon von diesen Fakten ist unbestritten ein Weltatlas.

Ein Schuljahr eröffnen traditionell Politikern. Der russische Präsident Wladimir Putin war zu diesem Anlass in Wladiwostok. Wo ist es? Für uns Europäer ist meistens ein Synonym von Russland Moskau, als ob es das ganze Land wäre, vielleicht noch Sankt Petersburg, nach Winterolympiade 2014 Sotschi und diese Städte am Ostrande von Europa. Wo liegt aber Wladiwostok? Ist die Stadt überhaupt noch auf unserem Kontinent? Erste Gelegenheit, Weltatlas nachzuschlagen.

Erste Feststellung lautet, Russland ist nicht nur dieser Ostteil von Europa, an den wir uns im linken Teil einer Europakarte gewöhnt haben, sondern erstreckt sich über 11 Zeitzonen! Wenn in Wladiwostok Kinder zur Schule aufwachen, gehen Kinder in Moskau ins Bett mit Gedanken an morgigen Schulanfang. Die nächsten Nachbarn von Kindern von Wladiwostok sind Chinesen, Nordkoreaner, Südkoreaner und Japanern. Ganz andere Realität, Kultur und auch Weltkartenansicht.

Wir Europäer sehen an einer Weltkarte im oberen Mittelpunkt Europa, unten riesiges Afrika, links Amerika, rechts Asien und rechts unten Australien. Wir waren lange Jahrhunderte daran gewöhnt, dass Europa Zentrum der Welt ist. Gerecht, durch ökonomische Stärke im Mittelalter haben wir das Halbinsel Europa zu einem Kontinent erklärt, der nächste Jahrhunderte das unbestrittene Zentrum des Weltgeschehens darstellte. Gerecht! Die Kultur und ökonomische Stärke ließen daran Keinen zweifeln. In letzten Jahren ist es aber mehr der vergangene Ruf, als die Tat, die Europa zum Zentrum der Welt macht. Die reale Stärke beginnt, sich zu verschieben – aus europäischer Sicht – nach Osten. Wie lange wird aber die europäische Sicht für Weltgeschehen noch relevant sein?

Wenn die Kinder aus Asien ihre Weltkarte nachschlagen, sehen sie etwas ganz anderes – in der Mitte China, oben Russland, rechts Amerika, unten Australien, links Afrika und links oben, am Rande der Weltkarte – ein Halbinsel – Kontinent Europa.

World map

Wenn man die Schrauben zu hart zieht…

China ist eine von wenigen Mächten, derer allgemeiner Ruf dem tatsächlichen Verhalten der europäischen Einzelstaaten nicht entspricht. Zusammen als EU kritisieren wir China wegen Menschenrechteverletzungen, wegen Zensur und Qualitätsmangel von Produkten. Als Union sind unsere Beziehungen zu China vor allem in negativem Sinne geprägt – Schutz des europäischen Markts von chinesischer Ware, Protektionismus, Stahl-Bange, usw. Es ist ein Paradox, als EU-Mitglieder tun viele Regierungen viel, um den Ruf von China zu verschlechtern, dabei tun sie gleichzeitig als einzelne Staate wahnsinnig viel, um mit China exklusive Handelsbeziehungen zu haben – für China und chinesische Investitionen, ein Hafen in Europa darzustellen. Dieser Paradox deutet auf die Schwäche und Oberflächlichkeit der EU an – Hauptprämisse lautet oft: Sich für sich die Zukunft Chinas sichern, früher, als der Nachbar.

Eine andere solche Macht ist Russland – da sind zwar die Argumente anders gestaltet, das Muster aber sehr ähnlich. Wir ließen uns von Amerikanern einreden, dass Russland für uns eine Drohung darstellt. Russische Aggression, Demokratiemangel usw. Demzufolge haben wir als EU Sanktionen über Russland verhängt und boykottieren jeweiligen Kontakt. Bei Sanktionen leiden immer alle beteiligten Seiten – europäische Unternehmer spüren es schon – ungeachtet bleibt aber, dass daran andere profitieren, die es von weitem beobachten und die ausschließlich eigenen Interessen vertreten.

Russland ist historisch nach Westen orientiert, seines Regierungs- und Entscheidungszentren liegen in Europa. Obwohl der dominante Teil Russlands in Asien liegt, ist Russland durch europäische Kultur geprägt und auch als europäisch betrachtet, schließlich kann man es auch beim Sport beobachten, wo russische Sportvereine an europäischen Veranstaltungen teilnehmen, und nicht an asiatischen. Russland hat viel zu bieten, was die Rohstoffe angeht und nach dem Zerfall der Sowjetunion strebt sie wieder, eine Weltmacht zu sein, die man mindestens aus geografischer Sicht nicht ignorieren kann. Als Europäer soll es uns freuen, dass diese aufsteigende Macht unsere Kulturrahmen vertritt und mit europäischer Kultur stark verbunden ist. Mit neuer Machtzusammenstellung in der Welt ist es unbestritten ein Vorteil für uns, den wir aber ständig missachten.

Wir brauchen Russland als einen Partner zu haben. Russland braucht immer noch Europa. Diese geopolitische Abhängigkeit muss aber nicht lange dauern. Durch unsere kontinuierlich ablehnende Politik gegenüber Russland kann es bald dazukommen, dass Russland seine Prioritätensicht umkehrt und neulich beginnt, sich nach Osten zu orientieren, wo sich die neue wirtschaftliche Stärke zu bilden anfängt, wo russische Ware benötigt wird und wo Russland allgemein willkommen ist – im Gegensatz zur heutigen Europa.

Dass diese Umorientierung nicht unreal ist, wurde vom russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahre 2014 durch eine Idee bestätigt, manche Regierungsämter nach Sibirien umzuziehen1)Zieht der Kreml nach Sibirien?, Quelle: Russia Beyond The Headlines 2014-08-07. Am Anfang nur teilweise, zum Beispiel nach Krasnojarsk, in die Mitte der Föderation. Es sind sicherlich noch keine festen Pläne, denn ein Hauptstadtumzug verlangt auch entsprechende Vorbereitung der Zieldestination. Zum einen schnellen Umzug kommt es sicherlich nicht, die Tendenz sich nach Osten zu orientieren ist aber immer mehr zu spüren.

Ab 1. Juni gilt in Russland ein Gesetz, dank dessen Russen im Fernen Osten ein Hektar Land umsonst bekommen können, unter der Bedingung, dass sie sich um ihn kümmern werden.2)Putins Geschenke fürs Volk, Quelle: Handelsblatt 2016-05-03 Dieses Gesetz soll Unternehmer in die Region bringen. Ein erhöhtes Interesse seitens Moskau an der ganzen Fernostregion ist auch im wirtschaftlichen Bereich stark zu sehen. Schließlich hat sich die letzte große wirtschaftliche Konferenz, Eastern Economic Forum, in Wladiwostok abgespielt. Immer mehrere Projekte richten sich in diese Gegend, alle sind auf die Infrastruktur und “Belebung” der Region gerichtet – unter anderen, der Plan, Russland mit China durch einen Hyperloop3)Putin Jumps Into the Race to Build a Hyperloop, Quelle: Bloomberg 2016-07-07 zu verbinden – einen extrem schnellen Transport von Menschen und Ware, oder Interesse von Chinesen nach Fernost teilweise ihre Chemie- und Hüttenproduktion zu übertragen4)Řadu čínských podniků mohou přenést na ruský Dálný východ, Quelle: Sputnik 2016-04-06

Die Verlobungsgespräche zwischen Russland und China laufen schon bereits. Zwei völlig unterschiedliche Nationen, die aber so viel gemeinsam haben. In einer längeren Perspektive kann es keine glückliche Ehe sein, kurzfristig trägt aber diese Verbindung dazu, dass sich das Zentrum des Weltgeschehens nach Osten umorientieren kann.

References   [ + ]

1. Zieht der Kreml nach Sibirien?, Quelle: Russia Beyond The Headlines 2014-08-07
2. Putins Geschenke fürs Volk, Quelle: Handelsblatt 2016-05-03
3. Putin Jumps Into the Race to Build a Hyperloop, Quelle: Bloomberg 2016-07-07
4. Řadu čínských podniků mohou přenést na ruský Dálný východ, Quelle: Sputnik 2016-04-06

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