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Auf der Suche nach Mächtegleichgewicht in Asien

Die USA deuten allen an, dass sie ihre militärische Präsenz in den entlegenen Gebieten der Welt begrenzen werden. Vielleicht hörte Donald Trump auf die Realisten, die seit langem es ihm nahelegten, dass Amerika den Status einer Supermacht mit der Strategie offshore balancing behalten kann. Abgesehen von der echten Motivation, folgt den Ansagen der amerikanischen Regierung ein Umdenken ihrer Außenpolitik in den asiatischen Ländern. Die Begrenzung der Präsenz der USA ändert das Mächtegleichgewicht und zwingt alle zur Bewertung der aktuellen Allianzen und zur Suche nach neuen Verbündeten, falls ein Konflikt ausbrechen sollte.

Veränderungen im Kräftegleichgewicht in Asien
Solange die USA in Asien präsent ist, bleibt das Kräftegleichgewicht erhalten. Die Begrenzung des Engagements, die von Washington angesagt wird, muss die Suche nach neuen Verbündeten von allen Ländern der Region mit sich ziehen, um Potenziale auszugleichen. Der Rückzug Amerikas lässt China einen großen Spielraum. China kann seine Einflusszone erweitern und eine Bedrohung für Indien und Russland darstellen. Die militärische Bedrohung wird doch nicht sofort zum Vorschein kommen. Höchstwahrscheinlich werden wir zuerst ökonomische Durchdringung des Kontinents beobachten. Der wirtschaftliche Imperialismus und das damit verbundene Aufstreben der Macht können ein Anzeichen des zunehmenden Revisionismus Chinas sein, der als Politik verstanden wird, die den aktuellen Status quo in Asien rückgängig zu machen und eine neue Ordnung zu schaffen beabsichtigt.

Die Tabelle oben zeigt die Verteilung der Macht in Asien, berechnet nach der Methodik des bekannten Forschers Randall Schweller, die in Deadly Imbalances erläutert wurde. Anhand der Daten von Correlates of War kann man die absolute Macht (die Ressourcen der einzelnen Länder) und die relative Macht (die Macht in Relation zu den anderen Ländern ausgedrückt, wo das stärkste Land den Indikator 5,00 erhält). Die angegebenen Daten ergeben 100% in jeder Spalte. Zwar so durchgeführte Analyse hebt allzu sehr die Macht Chinas und Indonesiens im Zusammenhang mit der Bevölkerungszahl hervor, zeigt jedoch, dass das Engagement der USA auf dem größten Kontinent der Welt ein wesentlicher Bestandteil des Sicherheitssystems ist. Amerika glich das Potenzial Chinas aus, indem sie Indien und Pakistan unterstützte.Der Rückzug der Amerikaner resultiert mit der Änderung der Politik der beiden Länder. Jedoch auch schwächere Länder, wie Bangladesch, Südkorea, Iran, oder Japan (schwächere – natürlich in der relativen Auffassung!), beginnen nach neuen Lösungen angesichts der veränderten Mächteverteilung zu suchen. Die nachstehende Tabelle umfasst die Machtindizien, die von Global Firepower berechnet wurden, und die relative Macht der Länder. Daraus ist zu erschließen, dass in Asien allmählich zwei Allianzen entstehen, von denen eine im Rahmen des offshore balancing (den Begriff erklären wir gleich) unterstützt wird. Obwohl vielleicht auf uns unruhige Zeiten zukommen, kann man doch hoffen, dass der Frieden trotz der immer größeren Ambitionen Chinas erhalten wird.

Angesichts der Begrenzung des Engagements Amerikas und der begrenzten Unterstützung der Verbündeten sind wir Zeugen der Entstehung von zwei neuen Blocks, deren relative Macht sich ausgleichen wird. Die USA werden natürlich ein wesentlicher Bestandteil des Systems bleiben. Ihre Entscheidungen darüber, wer unterstützt werden soll, können dem Block Oberhand gewinnen lassen, der von Indien angeführt wird.

China: auf dem Weg zur regionalen Hegemonie?
2017 fesselte die Aufmerksamkeit die Zusammenarbeit Chinas und Pakistans. Beijing einigte sich mit Islamabad über die 40-jährige Miete des Hafens in Gwadar, der im Golf von Oman liegt und strategisch wichtig im Nahen Osten wegen der Verkehrswege der Ölschiffe ist. Über die Straße von Ormuz fließt doch 40% des ganzen Erdöls. Das Abkommen sicherte China einen „wirtschaftlichen Korridor”.1)What’s Happening at Pakistan’s Gwadar Port?, The Diplomat 2017-06-17.Das Reich der Mitte sichert also seine Interessen im Bereich der Energieressourcen, schafft eine Basis für das weitere Wachstum und wird in der Region wettbewerbsfähig gegenüber den USA. Dass der Hafen auch für Militärzwecke genutzt wird, ist auch gut möglich.2)Pakistan’s Gwadar Port a Possible Future Chinese Military Base Location: Pentagon, DefenseWorld.net 2017-06-07.Im Endeffekt wird Indien umgeben und die chinesische Kriegsmarine wird die Möglichkeit gewinnen, auf dem Indischen Ozean ihre Macht zu entfalten.

Vom Standpunkt Pakistans ist das genannte Abkommen eine Art der Diplomatie, die es anstrebt, einen neuen „Schirmherrn” anstelle der USA zu finden. Dass Washington und New Delhi näher zusammenkommen, kann die Bemühungen Pakistans intensivieren. Russland bleibt auch eine Option, doch vernünftiger scheint es sich mit dem Feind Indiens zu verbrüdern, da er im Falle eines Konfliktes entschiedener darauf reagieren wird.

Die Präsenz Chinas kann auch die im Nahen Osten gelegenen Länder beunruhigen. Beijing bemüht sich aber auch um die Verbündeten in der Region. Es geht vor allem um den Iran, mit dem im November 2016 ein Abkommen über die militärische Zusammenarbeit zwecks gemeinsamer Manöver und Terrorbekämpfung.3)Iran and China Are Strengthening Their Military Ties, The Washington Institute for Near East Policy 2016-11-26.Die Zusammenarbeit zwischen dem von Sanktionen betroffenen Iran und China wird wahrscheinlich noch intensiver. Teheran hat nicht viele Alternativen, und die Zusammenarbeit mit Beijing, der sein Hauptgeschäftspartner im Bereich Wirtschaft ist und wahrscheinlich bald auch im militärischen Bereich sein wird, steht in Einklang mit seinen Bemühungen, eine regionale Macht zu werden.4)The U.S. is Pushing Iran Toward China, Atlantic Council 2017-01-25.Dies bestätigen auch Informationen über die Diskussionen, ob der Iran der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit angeschlossen werden soll.5)China says Iran membership of Shanghai security bloc to be discussed at summit, Reuters 2017-06-05.Der Hafen in Gwadar lässt beide Länder näher kommen und ermöglicht die engen Beziehungen weiter aufzubauen.

Das genannte Abkommen ist bloß ein Teil einer großangelegten gemäßigten revisionistischen Politik, die auf eine regionale Vorherrschaft abzielt. Außer dem oben genannten Abkommen bleibt nämlich China der Schirmherr Nordkoreas und hat gute Beziehungen zu den Ländern Süd-Ostasiens. Nach der Verschlechterung der Beziehungen zu Amerika wandte sich nun Tahiland China zu und rüstet mithilfe Beijing auf.6)Is Thailand Now Buying More Arms From China?, The Diplomat 2017-06-14.Auch Philippinen genießt militärische Unterstützung des Reiches der Mitte, um die Krise in Marawi zu beenden.7)The Truth About China’s New Military Aid to the Philippines, The Diplomat 2017-06-30.Des Weiteren arbeitet China mit Malaysia immer enger in Sicherheitsfragen zusammen. Die Länder riefen ein Forum für Zusammenarbeit ins Leben, mit dem Schwerpunkt Bedrohungen für die Sicherheit auf dem Meer.8)What’s Behind The New China-Malaysia Defense Committee?, The Diplomat 2017-04-25.

China ist stets aktiv, mit dem Ziel ein regionaler Hegemon zu werden. Seine Aktivitäten fallen auf guten Boden, während die USA auf dem Boden ihre Präsenz begrenzt. Gleichzeitig ist die Vergrößerung der Einflusszone Chinas in der Region für Indien alarmierend, das um die anderen Länder der Region werben muss, um die chinesische Bedrohung auszugleichen.

Indien: auf der Suche nach neuen Verbündeten
Die Zusammenarbeit mit den USA ist eng. Es bedeutet aber nicht, dass Amerika sich da in eventuelle Konflikte völlig einsetzen wird. Daher schaut Indien nach den Ländern in der Region um, die kooperieren können, um die chinesische Macht auszugleichen.

Im April verhandelte Indien erfolgreich mit einem anderen Verbündeten Amerikas – Südkorea. Im Rahmen eines bilateralen Vertrags werden die beiden Länder gemeinsam Kriegsschiffe produzieren.9)India, South Korea sign agreement to build warships, DefenseNews.com 2017-04-21.Kurz danach unterzeichnete Indien eine Vereinbarung über militärische Zusammenarbeit mit Japan, das auch über die Änderungen in Machtverteilung besorgt ist.10)India, Japan to Deepen Defense Cooperation, The Diplomat 2017-05-10.Dazu kommen bilaterale Vereinbarungen zur Sicherheitsfragen mit Bangladesch, die einen Widerstand bei einem Teil der Eliten hervorriefen, die der Meinung sind, dass im Interesse Dhakas eher enge Beziehungen zu China liegen.11)Many in Bangladesh Oppose Proposed Defense Pact With India, Voice of America 2017-04-06.Durch das Problem der Sicherheit auf dem Meer kamen auch Iindien und Indonesien näher – die Länder sollen sich u.a. mit dem militärischen Know-how austauschen.12)The Future of India-Indonesia Defense Ties, The Diplomat 2017-02-10.Beijing schaut sich unruhig die indisch-vietnamesische Zusammenarbeit an: Hanoi soll die Boden-Luft-Raketen Akash erhalten.13)China the elephant in the room as Vietnam and India draw closer in defence cooperation, South China Morning Post 2017-01-18.Zorn erregte im Reich der Mitte die Tatsache, dass Indien seinem größten Feind, Taiwan, näher kommt. Zuerst empfing Indien einen offiziellen Besuch aus Taipei,14)Where Is India on the One China Policy?, The Diplomat 2017-03-06.dann unterzeichnete es ein Abkommen über die Zusammenarbeit der Unternehmen vom ICT-Sektor.15)Taiwan India cooperation forum debuts, Taiwan News 2017-06-06.

Wenn man die oben genannten Beispiele analysiert, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Indien eine Alternative zum Block der Länder schaffen will, die China unterstützen. Es ist eine rationale Vorgehensweise, die aus den Befürchtungen um die potentielle Begrenzung der Unterstützung der USA resultiert.

Russland: bereitet sich auf jedes Szenario vor
Ein fehlendes Puzzleteil ist nun Russland, das in den regionalen Angelegenheiten ebenso wichtige Rolle wie Indien und China spielt. Samt seiner Einflusszone, in der auch ehemalige Sowjetrepubliken liegen, bildet es den dritten Pol. Gleichzeitig ist Russland in einer günstigen Lage, da es mit allen Seiten gute Beziehungen aufrechterhält. Das erlaubt die eigene Politik an die sich ändernden Bedingungen anzupassen. Im Falle eines Konfliktes kann man sich für eine der Seiten erklären – ein Realist würde nahelegen: für die Seite eines Stärkeren, um die Neutralität zu bewahren.

Es scheint, dass Moskau „Entwicklungspläne” über die militärische Zusammenarbeit zuerst mit New Delhi,16)India, Russia Sign ‘Military Cooperation Roadmap’, The Diplomat 2017-06-23.und eine Woche später mit Beijing.17)China and Russia Sign Military Cooperation Roadmap, The Diplomat 2017-06-30.unterzeichnete als Reaktion auf die Vereinbarungen unter den Ländern in der Region.

Russland soll, anders als im Westen präsentiert wird, nicht als revisionistisch angesehen werden. Es ist eine Großmacht, die daran interessiert ist, ihre eigene internationale Position zu behalten. Die Versuche der Ukraine oder Georgiens auf die Seite des gegnerischen Blocks zu übergehen, mussten mit einer entschiedenen Reaktion enden. Anders gesagt – Russland kämpft nicht um die Änderung im globalen Machtgleichgewicht, sondern um dessen Aufrechterhaltung.

USA: neue Strategie und Wendung Richtung offshore balancing?
Die Gestaltung des neuen Machtgleichgewichts in Asien bedeutet nicht, dass die USA ihre Präsenz ganz aufgeben. Jedoch ist es möglich, dass Donald Trump daran interessiert sein wird , dass seine Verbündeten, also vor allem Indien die Verantwortung für die Bewahrung der Stabilität in der Region übernehmen.

Im Rahmen der Strategie offshore balancing, wird die USA im Stande sein, ihre Position einer globalen Supermacht zu behalten, indem sie die Mächte in den einzelnen Regionen nutzen wird. Als Gegengewicht für Russland in Europa werden die NATO-Staaten dienen. Deswegen kündigte Trump an, dass seine europäischen Verbündeten sich für ihre Sicherheit finanziell mehr einsetzen sollen.18)Trump on NATO funding: Still misleading after months of fact checks, The Washington Post 2017-05-31.Für realistisch soll die Politik angesehen werden, die akzeptiert, dass auch die Supermacht im gewissen Rahmen handeln muss und dass die Kosten auch von Verbündeten getragen werden müssen.

Im Falle von Asien, betonten die USA die Gemeinsamkeit der Interessen mit Indien,19)From China to Pak terror, Trump-Modi meet affirms US-India security ties, Business Standard 2017-06-28.und Japan.20)Trump says U.S. committed to Japan security, in change from campaign rhetoric, Reuters 2017-02-10.

Was den Präsidenten Trump von seinen Vorgängern unterscheidet, ist es, dass er an die Sicherheit wie ein Geschäftsmann denkt. Es soll nicht negativ bewertet werden. In Washington setzt sich der Gedanke durch, dass die USA die Rolle des „Welt-Sheriffs” nur teilweise spielen können und dass die Sicherheit in der Welt vom ganzen Netzwerk der Allianzen abhängt.

Die Zukunft Asiens: Krieg oder Frieden?
Trotz der Politik Chinas, die sich durch einen begrenzten Revisionismus auszeichnet, kann man auf den Frieden hoffen. Dreipolige Systeme tendieren aber zur Instabilität, es kommt aber auch auf die Konfiguration der Allianzen und Verteilung der Mächte an. Die oben durchgeführten Analysen lassen annehmen, dass am stärksten der Block von Indien ist, der gewissermaßen von den USA unterstützt wird. Auf dem zweiten Platz ist China, das immer einflussreicher wird. Der dritte Platz ist Russland zuzuschreiben. Russland ist stark, doch gemeinsam mit den Ländern von seiner Einflusszone ist es relativ am schwächsten. Solche Konfiguration macht paradoxerweise den Krieg für niemanden lohnend. Um einen Konflikt gewinnen zu können, müsste eine größere Allianz gegen ein Land gebildet werden. Würde der gemeinsame Feind eine Niederlage erleiden, müsste einer von den Verbündeten in einem Gefüge funktionieren, in dem er dem stärkeren Allianzmitglied unterworfen wäre. Egal, wer die Schlacht gewinnen würde, würde es über andere Länder dominieren und das wünscht sich doch niemand.

Zusammenfassend, in Asien kommt eine Zeit der Spannungen, neuer Allianzen, der Muskeln im Einsatz. Doch scheint es, dass am Ende neue Machtverhältnisse entstehen werden, die Sicherheit gewährleisten werden, auch wenn die USA sich rückzieht.

References   [ + ]

1. What’s Happening at Pakistan’s Gwadar Port?, The Diplomat 2017-06-17.
2. Pakistan’s Gwadar Port a Possible Future Chinese Military Base Location: Pentagon, DefenseWorld.net 2017-06-07.
3. Iran and China Are Strengthening Their Military Ties, The Washington Institute for Near East Policy 2016-11-26.
4. The U.S. is Pushing Iran Toward China, Atlantic Council 2017-01-25.
5. China says Iran membership of Shanghai security bloc to be discussed at summit, Reuters 2017-06-05.
6. Is Thailand Now Buying More Arms From China?, The Diplomat 2017-06-14.
7. The Truth About China’s New Military Aid to the Philippines, The Diplomat 2017-06-30.
8. What’s Behind The New China-Malaysia Defense Committee?, The Diplomat 2017-04-25.
9. India, South Korea sign agreement to build warships, DefenseNews.com 2017-04-21.
10. India, Japan to Deepen Defense Cooperation, The Diplomat 2017-05-10.
11. Many in Bangladesh Oppose Proposed Defense Pact With India, Voice of America 2017-04-06.
12. The Future of India-Indonesia Defense Ties, The Diplomat 2017-02-10.
13. China the elephant in the room as Vietnam and India draw closer in defence cooperation, South China Morning Post 2017-01-18.
14. Where Is India on the One China Policy?, The Diplomat 2017-03-06.
15. Taiwan India cooperation forum debuts, Taiwan News 2017-06-06.
16. India, Russia Sign ‘Military Cooperation Roadmap’, The Diplomat 2017-06-23.
17. China and Russia Sign Military Cooperation Roadmap, The Diplomat 2017-06-30.
18. Trump on NATO funding: Still misleading after months of fact checks, The Washington Post 2017-05-31.
19. From China to Pak terror, Trump-Modi meet affirms US-India security ties, Business Standard 2017-06-28.
20. Trump says U.S. committed to Japan security, in change from campaign rhetoric, Reuters 2017-02-10.

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