Wird die Niederlage Italiens in Qualifikationsspielen für Fußballweltmeisterschaften den Protektionismus wiederbeleben?

Fußball ist in Italien fast eine Religion. Im Land, wo Kirchen leer stehen, ist es, ein Fan einer Mannschaft zu sein, wie ein Glaubensbekenntnis. Intellektuelle beklagen sich manchmal darüber, dass Italiener sich mehr für diese Sportart interessieren als für die politische Lage in ihrem Land, was an eine alte römische Tradition erinnert: das Volk will nur Brot und Spiele.

Inzwischen wird Italien zum ersten Mal seit 1958 nicht an Spielen teilnehmen, was das Volk zur Reflexion veranlassen sollte. Italien wird nach dem verlorenen Spiel gegen Schweden nicht an Fußballweltmeisterschaften in Russland im nächsten Jahr teilnehmen.

Diese nationale Tragödie bedeutet auch ernsthafte finanzielle Verluste. Es wurde berechnet,1)Goal economy-Italia, ecco cosa succederà senza mondiali, Goal.com 2017-11-14.dass die Qualifikation zu den Meisterschaften für ein Team das Einkommen von 1.5$ Mio. bedeutet. Schafft ein Team es bis Viertelfinale, steigt die Summe auf 18 und wird bei der Halbfinale und Finale noch größer. Der Italienische Fußballverband verdient etwa 43$ Mio. mit kommerziellen Verträgen, darunter 18$ Mio. mit Verträgen mit Puma, dem Sportbekleidungsunternehmen; insgesamt sind es 70$ Mio. jährlich, wenn wir dazu noch Fernsehwerbung hinzurechnen. Jetzt, sind nach dem Quali-Aus finanzielle Verluste zu erwarten, die doch schwer zu berechnen sind.

Fußballweltmeisterschaften, an denen italienische Mannschaft teilnimmt, werden durchschnittlich von 12, zu Stoßzeiten von 17.7 Mio. Zuschauern ferngesehen (im Land, das 60 Mio. Einwohner zählt), also von 81% italienischen Zuschauern. Das italienische staatliche Fernsehen zahlt dem Italienischen Fußballverband 26$ Mio. für Übertragungsrechte. Die Summe beträgt im Falle der Weltmeisterschaften 268$ Mio., was 10$ Mio. in Einkommen aus Steuern bedeutet.

Protektionsmus hatte Vorteile: 1966 wurde die Einstellung ausländischer Spieler verboten. Wie gesagt, Italien schaffte es nur ein Mal (1958) sich nicht zu Meisterschaften zu qualifizieren. Es qualifizierte sich aber 1966, als der Italienische Fußballverband völlig den italienischen Fußballvereinen verbat, Ausländer als Spieler einzustellen, um sie auf diese Weise zu zwingen, sich mehr für die einheimischen talentvollen jugendlichen Spieler zu interessieren. Das Verbot galt bis 1980, fast 15 Jahre, und erfüllte Hoffnungen. Eine neue Generation der Spieler eroberte 1978 den vierten Platz und gleich danach, 1982, wurde Italien in Spanien Fußballmeister, nachdem es den bisherigen Meister Argentinien, den Favoriten Brasilien und die BRD, das außer Italien erfolgreichste Team, besiegt hatte.

Der Sieg von 1982 leitete die Blütezeit in der italienischen Liga ein. Als das Verbot, die Ausländer einzustellen, allmählich aufgehoben wurde (zuerst durften ein, dann drei Ausländer in der Mannschaft spielen), begannen die italienischen Fußballvereine einheimische Talente mit ausgewählten fremden zu mischen und holten die besten nach Italien, darunter: Maradona, Passarella und Caniggia aus Argentinien, Matthäus, Rummenigge, Brehme und Klinsmann aus Deutschland, Platini aus Frankreich, Falcao, Junior, Zico und Socrates aus Brasilien, Gullit, Van Basten und Rijkaard aus Holland.

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Zurück ins Jahr 2017, das Jahr der Niederlage der deutschen Mannschaft. Das Problem liegt teilweise daran, dass Ende der achtziger zum Spiel in den italienischen Vereinen maximal nur 3 Spieler aus dem Ausland zugelassen wurden – zurzeit sind es in den besten 20 italienischen Fußballclubs im Durchschnitt 58% ausländische Spieler. Da die Clubs billigere Spieler aus dem Ausland statt einheimische Talente bevorzugen, klagten schon viele Trainer der Nationalmannschaft über mangelnde Ausgaben für den Nachwuchs aus der Heimat, was mit schlechten Ergebnissen auf der internationalen Ebene resultiert.

So wird das italienische Volk nicht nur keine Spiele haben, sondern auch kein Brot. Das BIP beträgt 1%, das heißt Stagnation; die Arbeitslosigkeit – 11%, unter jungen Menschen 35%. Soziale Schichtung der Gesellschaft nimmt zu. Der Austritt aus der Euro-Zone wird immer populärer: drei aus vier führenden Parteien sind für die Einführung einer Parallelwährung, eine ist eindeutig gegen den Euro. Italien ist auch im Schlusslicht, wenn es um die Zufriedenheit der Bürger mit der EU-Mitgliedschaft geht.

Würden sich die Italiener ihre Geschichte genauer anschauen, dann würden sie vielleicht begreifen, dass die Globalisierung ihnen gar nicht gut tut, während der Protektionismus Nutzen brachte.

Werden solche Schlussfolgerungen wirklich gezogen? Ein Verbot, die ausländischen Spieler einzustellen, ist eher unwahrscheinlich. Das wäre gegen die EU-Regelungen und wird übrigens überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Es scheint, dass Italien so wie der Italienische Fußballverband, keinen charismatischen Führer hat, der sich gegen die geltenden Regeln richten wagte. Das, was Italiener von den Problemen in ihrem Land ablenkte, widerspiegelt nun die Probleme. Sie dürfen nicht weiter unterschätzt werden. Mal sehen, ob es klappt.

References   [ + ]

1. Goal economy-Italia, ecco cosa succederà senza mondiali, Goal.com 2017-11-14.

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