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Der neue Fed-Chef – eine Bedrohung für den amerikanischen Mittelstand

Die Notenbankiers haben alle möglichen Werkzeuge ausgenutzt. Falls nächste Krise kommt, haben sie nichts mehr in der Hinterhand. Wenn es an den Märkten kracht, heißt ihr Motto: Augen zu und noch mehr Geld aus der Notenpresse. Jerome Powell kann jedoch eine Ausnahme sein.

Draghi und Yellen haben in den letzten Jahren ihr Bild als perfekte Bail-out-Bankiers perfektioniert: Draghi überflutete die Finanzmärkte Europas mit Billiggeld und rettete Griechenland aus der Abwärtsspirale mit Milliardenhilfen; jedes mal, wenn der US-Aktienmarkt im letzten Jahr mehr als 2% verlor, tauchte jemand aus Yellens Fed auf und versicherte die verunsicherten Anleger, dass es der amerikanischen Wirtschaft wunderbar geht. Beide nutzten alle möglichen Tricks, um Wirtschaften anzukurbeln und der nächsten Krise vorzubeugen: sie führten Nullverzinsung ein, kauften Anleihen und Aktien, sogar von Privatunternehmen, an. Nun ist Draghis EZB auf die nächste Krise nach wie vor unvorbereitet, da ihr keine mehr Mittel übrigblieben, es sei denn, sie führt Minusverzinsung ein.

Der neue Fed-Chef setzt die Politik Yellens fort, mindestens, wenn es um langsame Zinsanhebung geht. Er versucht auch, ebenso wie seine Vorgängerin die Märkte mit seinen Aussagen zu beeinflussen. Als er vor Kurzem Zürich besuchte, versuchte er in seiner Rede die Investoren auch zu beruhigen: sie sollten keine Angst vor der amerikanischen Geldpolitik haben, und die höheren Leitzinsen in den USA seien auch für die Schwellenländer zu bewältigen. Die Rolle der Fed auf die weltweiten Kapitalflüsse sei laut ihm «oft überschätzt» worden.1)Powell spielt Einfluss der Fed auf globalen Markt herunter, Nick Timiraos, Finanzen.ch, 2018-05-08.Seine Aussagen waren ein Versuch, die Bedeutung des letzten Börsen-Minicrash vom Februar 2018 zu mindern. Der Grund für das Ungemach auf dem Aktienmarkt vom Anfang dieses Jahres wurde von vielen als eine Reaktion auf das überraschend kräftige Lohnwachstum in den USA gedeutet. In der Tat wurde die Talfahrt der amerikanischen Aktien (vor der wir übrigens in einem unserer Artikel warnten2)Märkte Ende 2017 – ein Blick auf das Jahr 2018.))von der Ablösung Yellens durch Powell verursacht. Auch die Schwellenländer bringen Anlegern in diesem Jahr eine schlechte Performance trotz der beruhigenden Worte Powells ein. Grund dafür ist der starke Dollar, die wachsenden Rendite der US-Staatsanleihen, die Anlagen in den Schwellenländern unattraktiver machen. Im letzten Monat wurden gemäß dem Bankenverband Institute of International Finance (IIF) 5,5 Mrd. $ aus diesen Ländern abgezogen. Was dabei verschwiegen wird: die Investoren positionieren sich auf diese Weise auch auf die nächste Krise, in der die Fed etwa nicht mehr so willig sein wird, große Banken oder Versicherungsanstalten vor der Pleite zu retten. Als 2008 der größten amerikanischen Versicherungskonzern AIG Insolvenz drohte, pumpte der damalige Fed-Chef Bernanke 80 Milliarden Dollar der Steuerzahler in das private Unternehmen (das sog. Bail-out). Während beim Zusammenbruch von Lehman Brothers die US-Entscheidungsträger ihr Pulver noch trocken hielten, warfen sie im Falle von AIG das Geld aus dem Hubschrauber herunter, sonst wäre der Gesamtmarkt für Credit Default Swaps (Kreditversicherungen, die AIG in Bergen anhäufte) kollabiert, was das amerikanische Finanzsystem nicht verkraftet hätte.

Ebenso ging es mit der Rettung der Bank of America. Janet Yellen, die Nachfolgerin Bernankes, setzte seine Geldpolitik fort. Powell hingegen hielt schon 2013 eine Rede,3)Ending „Too big to Fail“, Jerome H. Powell, Board of Governors of the Federal Reserve System 2013-03-04. in der er sich gegen solche Maßnahmen aussprach. Er betonte damals, dass die Fed wegen des Gesetzes von Dodd-Frank keine Kompetenzen mehr hat, die betroffenen Kredithäuser oder Versicherungsanstalten aus der Patsche zu retten. Mit dem Gesetz, das als Reaktion auf die Finanzkrise von 2007 das Finanzmarktrecht der Vereinigten Staaten umfassend änderte, wurden die Kompetenzen der Agentur FDIC (Federal Deposit Insurance Corporation) erweitert, die die Einlagen der Banken, Sparkassen und Holdingsgesellschaften garantieren soll. Das Problem liegt darin, auch wenn seither alle Einlagen durch FDIC versichert sind, dass sie dafür über ein Kapital von etwa 100 Milliarden Dollar verfügt, während das gesamte Kapital, das in der amerikanischen Wirtschaft herumkreist, auf 13,5 Billionen Dollar geschätzt wird! Bei einer der größten Banken, JP Morgan beträgt der Wert der Einlagen 1,3 Billionen Dollar. Die FDIC ist also nicht im Stande, sogar eine große amerikanische Bank zu retten, falls sie in Schwierigkeiten gerät. Powell ist dessen bewusst, deswegen spricht er sich für sogenannte Bail-in’s aus. Er war übrigens der Hauptstratege der US-Regierung zur Simulation von Bail-in’s. Im Fall eines Bail-in beteiligen sich die Gläubiger an Verlusten, an der Sanierung oder Abwicklung einer Finanzanstalt, in dem z.B. ein Teil ihrer Einlagen in Aktien der bankrotten Anstalt umgewandelt wird. Finden Sie es unglaublich, dass der jetzige Fed-Vorsitzende für eine Lösung plädiert, die bei der nächsten Finanzkrise die Kunden ihrer Einlagen berauben wird? Erinnern Sie sich doch an die Krise auf Zypern vor einigen Jahren. 2013 erhielten die Anleger, die mehr als 100 000 Euro besaßen, von zypriotischen Banken die Aktien ihrer maroden Banken, die anschließend um 80% fielen. Niemand fragte sie nach ihrer Meinung. Powell wird Amerikaner auch nicht nach ihrer Meinung fragen. Unter seinen Entscheidungen wird also in der nächsten Krise vor allem die obere Mittelschicht leiden. Die Unterschicht wird erschrocken sein, bekommt dann doch ihr Geld zurück, was Trump bei den nächsten Wahlen die Unterstützung der breiten Massen sichern wird, auch wenn die Krise für alle peinlich sein wird.

2013 erhielten die Anleger, die über 100 000 Euro auf den Konten der zypriotischen Banken hatten, im Rahmen eines Bail-in’s die Anteile an ihren maroden Kreditinstituten. Die Aktienkurse der Banken fielen anschließend um 80%. Die meisten Kunden waren übrigens Russen. Es wurde angekündigt, dass die Banken von ihren Gläubigern, nicht von den Steuerzahlern gerettet werden sollen. Italiener, und nicht die italienische Regierung, wurden gezwungen für ihre Banken Bürgschaft zu leisten. Die konnte nicht einmal solche Banken wie Banca Monte dei Paschi di Siena aus der Patsche helfen. 2017 änderte sich das aber, und die italienische Regierung unterstützte ihre Banken. Wenn der Fed-Chef während der nächsten unausweichlichen Krise auch die Bankenkunden ihrer Einlagen enteignen wird, wird es auf eine Gegenreaktion stoßen, da die obere Mittelschicht darunter besonders leiden wird. Es ist zu bezweifeln, ob Powell den Mumm hat, Wells Fargo, Bank of America oder Citigroup im Stich zu lassen. Es waren doch eben die Bankiers von Wall Street, die dem Präsidenten Trump Kredite für die Finanzierung seines Wahlkampfes gewährten. Wird Trump den Schritt Putin nachahmen, der Oligarchen entmachtete und Boris Beresowski, Wladimir Gussinski und Michail Chodorkowski loswurde, die das Land zu der Amtszeit von Boris Jelzin regierten? Wird der amerikanische Präsident die USA vom Einfluss der Bankenelite befreien?

Bis jetzt gehorchte Trump den Befehlen seiner Unterstützer – er verlegte die amerikanische Botschaft nach Jerusalem und führte wieder Sanktionen gegen den Iran wieder ein. Wir glauben nicht, dass er sich ihnen widersetzen und die amerikanischen Banken zu Fall bringen wird. Jerome Powell hat das Maul auf dem rechten Fleck, wenn es aber darauf ankommt, wird er sicherlich amerikanische Banken retten.

References   [ + ]

1. Powell spielt Einfluss der Fed auf globalen Markt herunter, Nick Timiraos, Finanzen.ch, 2018-05-08.
2. Märkte Ende 2017 – ein Blick auf das Jahr 2018.
3. Ending „Too big to Fail“, Jerome H. Powell, Board of Governors of the Federal Reserve System 2013-03-04.

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