Kleine Ölproduzenten gehen in erster Reihe pleite

Saudi-Arabien und Russland schlossen am Dienstag, dem 16. Februar, eine Vereinbarung zur Aufrechterhaltung des Produktionsvolumens vom Januar, wenn sich aber andere Länder der Initiative anschließen, ab. Paradoxerweise war das keine gute Nachricht für den Markt. Die Investoren erwarteten nach den Gesprächen von Doha fälschlicherweise Senkungen der Ölproduktion, es gibt jedoch vorläufig keine Senkungen, bis sich einer geschlagen gibt. Zusammen mit der Festigung der Produktion auf einem Überangebotsniveau, oder mit anderen Worten, mit dem anhaltenden Ölkrieg, wird ein potentielles Opfer der Kämpfe nicht die amerikanische Schieferölindustrie, sondern Entwicklungsländer, die von tiefen Rohstoffpreisen und hohen Produktionskosten am meisten betroffen sind.

Die Erklärung, abgegeben vom saudischen Ölminister Ali Al-Naimi und vom russischen Energieminister Alexandr Nowak, wird der Branche nicht helfen, sondern lässt alleine das Status quo bei unveränderten Preisen erhalten. Daraus ergibt sich, dass die Ölproduktion in Saudi-Arabien und in Russland nicht so sehr in letzten Jahren stieg, also nicht diese Länder sind für den Ölpreisverfall verantwortlich. Nicht Saudi Aramco überschwemmte die Welt mit Öl, wie man in Mainstream-Medien hören kann, sondern die USA und die dortige Schieferölindustrie. Die kleineren, schwächeren und ärmeren Produzenten bekommen die Ergebnisse dieses Kriegs am härtesten zu spüren.

Von 2008 gerechnet stieg die Ölproduktion in Saudi-Arabien nur um 10%, während in den USA um 83%. Die Produktion in Russland stieg auch nur um 8%, aber Russland hatte seinen „Ölboom” am Anfang des 21. Jahrhunderts. Zurzeit sind diese drei Länder für nahezu 40% des Ölangebots der Welt verantwortlich. Jedwede Produktionseinfrierung seitens Venezuela oder Katar verändert auf dem Markt nichts.

Während niedrige Ölpreise die Staatshaushalte Russlands und besonders Saudi-Arabiens gefährden, sind Niedrigpreise für die USA, für den weiterhin größten Ölimporteur der Welt, grundsätzlich von Vorteil, außer einigen „Schieferöl-Bundesstaaten” wie Texas oder Norddakota. Ohne Änderungen in der Produktion bei Ölpotentaten kommt es, mindestens langfristig, zum Ölpreisverfall nicht.

Angenommen, dass:

  1. es Saudi-Arabien nicht gelingt, die zu hohen Kosten produzierenden Ölfirmen in den USA loszuwerden oder auch die Regierung der USA das nicht zulässt;
  2. die amerikanische Schieferölrevolution zum Einbruch der öffentlichen Finanzen weder in Russland, noch in Saudi-Arabien führt, weil sich diese Länder verschulden, Staatshaushaltsausgaben kürzen oder die Entwertung der eigenen Währung zur Gleichgewichtseinhaltung nutzen können; und ferner
  3. die großen Drei”, trotz eines starken Wettbewerbs, weiterhin dieselben Ölmengen fördern werden.

Ist das ein mögliches Szenario, nicht wahr? Was für Konsequenzen hätte es?

trolololo

Gewisse Länder wie der Irak, der Iran oder Nigeria könnten die Produktion noch mehr steigern, indem sie die Marktanteile den Wettbewerbern entreißen möchten. Das könnte den Preis noch mehr senken. Die anderen Länder aber können die Rivalität nicht bewältigen und in Probleme geraten oder gar im poltischen Sturm zerfallen. Schauen wir mal, welche Länder es sein können.

Wie es zu sehen ist, warten die einflussreichsten Produzenten nur, bis die Unternehmer aus China, Kanada, Venezuela, Brasilien, Nigeria, Mexiko, Angola, Norwegen, Kasachstan, Algerien, Aserbaidschan oder Libyen zu fallen beginnen. Dann würde ein Massenausverkauf anfangen und die globalen Ölkonzerne würden die Ernte antreten.

In erster Reihe können allzu verschuldeten Unternehmen, besonders diese vom Sektor mit hohen Kosten, die das Öl aus Meerestiefen fördern, fallen1. Die OPEC hofft, dass das Ölangebot 2016 in den dem Kartell nicht gehörenden Ländern, wie beispielsweise in Norwegen oder in Vereinigtem Königreich, deren Gesamtförderkosten pro Barrel zu den höchsten gehören (entsprechend 36,10 Dollar und 52,50 Dollar2), sinkt. Die OPEC erwartet auch einen (geringfügigen) Produktionsrückgang in den USA, in Mexiko und Kolumbien sowie in Kasachstan und Russland3

Wie kann das andere Länder beeinflussen? Norwegen und Kanada, wie wir bereits neulich geschrieben hatten, müssen mit hoher Rezessionswahrscheinlichkeit rechnen. In schlimmster Fiskallage sind jedoch Libyen und Venezuela, also Länder, die an der Grenze zum Zerfall schwanken. Solche Staaten wie der Jemen, Nigeria, Angola und Bahrain (der letzte von ihnen erfuhr ein militärisches Eingreifen vor mehreren Jahren) brauchen zur Bilanzierung ihrer Budgets einen Ölpreis, der 100 Dollar pro Barrel übersteigt

wykesie

Venezuela, Mexiko, Ecuador und Kolumbien sind den Veränderungen auf dem globalen Ölmarkt stark ausgesetzt4. Im Falle Venezuelas wird der Credit Default Swap (CDS) auf demselben Niveau bewertet wie der griechische nur drei Monate vor dem Staatsbankrott5. Man kann keine weiteren politischen Wirren ausschließen. Die Unruhen brachen bereits in Aserbaidschan aus; der Jemen und der Irak werden durch Bürgerkriege zerstört. Algerien, Bahrain und Oman sind als nächste dran

.grafmilionowy

Wir können auch Probleme in Saudi-Arabien, was wir im ersten Gefira Anticipation Bulletin geschrieben hatten, nicht ausschließen. Diese Länder, welche am meisten zu verlieren haben, also die existentielle Stabilität, werden zu ersten Opfern des andauernden Ölkriegs.

1. Deepwater Sector In Deep Trouble, Source: Rigzone 2016-02-16
2. Crude Oil’s Total Cost of Production Impacts Major Oil Producers, Source: Market Realist 2016-01-13
3. OPEC Monthly Oil Market Report, Source: OPEC 2016-02-10
4. Sharply Lower Oil Prices Would Be Highly Damaging, Source: BMIResearch 2014-10-15
5. “Venezuela’s CDS is now at the same Level as Greece’s Three months before its Defaul”, Source: Zerohedge 2016-02-16

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