Oft ist es nur ein kleiner Schritt, eine kleine Entscheidung, und der Lauf der Geschichte verläuft auf einmal in eine andere Richtung. Wenn die Vergangenheit etwas zu bieten hat, dann ist es – unter anderem – eine Reihe von sozialen Experimenten, die durchgeführt wurden und zu bestimmten Ergebnissen geführt haben. Freilich können wir ein historisches Experiment nicht in einem Labor wiederholen und dabei die gleichen Umstände wiederherstellen. Deshalb wird die Geschichte – strenggenommen – auch nicht als eine der Wissenschaften bezeichnet. Dennoch werden historische Experimente durchgeführt, und es wäre unklug, aus ihnen keine Lehren zu ziehen.
Vor dem Ersten Weltkrieg gab es sowohl im kaiserlichen Deutschland als auch im zaristischen Russland eine Reihe von politischen Bewegungen oder Parteien. Darunter waren wohl die sozialdemokratischen Parteien am deutlichsten ausgeprägt. Doch während in Deutschland Sozialdemokraten offen agieren konnten, war das in Russland meist nicht der Fall. Die Sozialdemokraten – wie die heutigen Umweltschützer, die Befürworter der Einwanderung aus der Dritten Welt in die Länder des weißen Mannes und die Aktivisten der Homosexuellen-Bewegung – wollten das politische System umstürzen, koste es was es wolle. Sie sahen nichts Positives in der Welt, in der sie lebten: Alles, was sie wollten, war, sie zu zerstören und zu verändern. Keine pittoresken Städte in malerischen Landschaften konnten sie jemals zum Umdenken bewegen: Sie glaubten, dass die Welt verrottet war und einer Umgestaltung bedurfte.
Wie ihre modernen politischen Gegenstücke – die besagten Umwelt-, Homosexuellen- und Pro-Immigrationsbewegungen – waren diese Sozialdemokraten Internationalisten (im heutigen Sprachgebrauch: Globalisten), antinationalistisch (oder genauer: antipatriotisch) und sie wollten die Unterdrückten, die Unglücklichen, die Ausgebeuteten, wie sie die ärmeren Schichten der Gesellschaft zu definieren pflegten, schützen und aufwerten. Sie sahen überall Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Sie rekrutierten begabte Schriftsteller, die Romane und Geschichten produzierten, die gesellschaftliche Missstände beschrieben und so die allgemeine Unzufriedenheit anheizten. Sie hatten Anhänger unter der Jugend und den Intellektuellen, unter den Menschen, die nicht begabt genug waren, um sich in einem Zweig der Wirtschaft, der Wissenschaft oder der Landwirtschaft durchzusetzen, und sie suchten sich als Retter der Menschheit, als Retter der Armen und Bedürftigen und Unterdrückten zu behaupten. Ist ein solches Ziel etwa nicht edel?

Rosa Luxemburg – Leo Trotzki















